Pop-Up Stores gegen Leerstand
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Pop-Up Stores gegen Leerstand

Mit einem Projekt hat es eine Kommune geschafft, Leerstand zu halbieren und neue Einzelhändler in die Innenstadt zu ziehen. Wir stellen das Konzept vor.

Wenn Helmut Ertz aus dem Fenster seines Büros schaut, sieht er Menschen, die über die Straße schlendern und Eis essen. Im Hintergrund
schmücken schöne Fassaden die Innenstadt. Kleine Türmchen thronen auf den Häusern, die teilweise aus der Renaissance stammen. „Ich liebe dieses Flair und möchte es behalten“, schwärmt der Makler aus Wittlich.

Seit 2016 engagiert sich Ertz für die Revitalisierung der Wittlicher Innenstadt im Rahmen des Alwin-Projektes. Alwin, die Abkürzung steht für aktives
Leerstandsmanagement Wittlicher Innenstadt. Seit ein paar Jahren gehen immer weniger Menschen vor Ort einkaufen, sondern geben ihr Geld
häufiger online aus. Gerade kleine und mittelständische Unternehmen stehen dadurch unter Druck. „Immer weniger Menschen wollen den
eigenen Laden behalten oder einen neuen eröffnen“, erklärt Ertz. Die Folge: leerstehende Immobilien.

Deshalb hat sich die Stadtverwaltung vor mehreren Jahren die Frage gestellt, wie man mehr Einzelhändler mit innovativen Ideen und nachhaltigen
Konzepten dafür gewinnt, einen eigenen Laden in der Innenstadt zu eröffnen und wie die Kommune den Leerstand reduzieren kann. Zuerst versuchte es die 19.000-Einwohnerstadt mit einem Leerstandlotsen-Projekt, welches nun ergänzt wurde. Im Jahr 2016 folgte Alwin. Das kommunale Projekt macht es potenziellen Einzelhändlern einfacher, einen eigenen Laden zu eröffnen. „Mit Alwin fördern wir junge Menschen mit besonderen Ideen“, erklärt der Bürgermeister von Wittlich, Joachim Rodenkirch.

Der Leerstand hat sich halbiert

 

Und tatsächlich hat sich seit 2016 einiges getan: Der Leerstand konnte von 12,8 Prozent auf 7,5 Prozent gesenkt werden. Bis zum Jahr 2018 sind 26 neue Läden hinzugekommen, 16 Läden haben wieder geschlossen. Und während es im Jahr 2009 lediglich 600 Einwohner in der Innenstadt gab, sind es heute bereits 1.000. „Wir bekommen viele Nachfragen von Einzelhändlern, die ihre Ideen in Wittlich umsetzen wollen“, verrät Rodenkirch. Um zu verstehen, wieso Alwin so erfolgreich ist, muss man das Projekt genauer betrachten.

 

Alwin Pop-Up Stpres gegen den Leerstand
Joachim Rodenkirch ist Bürgermeister von Wittlich und könnte sich vorstellen, dass das Projekt auch in anderen Kommunen Erfolg hat.

 

Wie Alwin funktioniert

 

Es besteht aus drei Bausteinen: Alwin-Genial, Alwin-Direkt und Alwin-Pop-Up. Bei Alwin-Genial schließen die Gründer einen Vertrag mit dem Eigentümer eines Ladens über eine Laufzeit von 1,5 Jahren. Im ersten halben Jahr müssen die Händler keine Miete zahlen, sondern nur die Nebenkosten. Erst ab dem siebten Monat folgt eine Staffelmiete, wobei die Höhe vom Konzept und dem Ladenzustand abhängt. Zusätzlich dazu
können die Einzelhändler im ersten Jahr eine Beratung von Experten in Anspruch nehmen. Genau zu diesem Expertenteam gehört auch Makler Ertz.

Neben ihm gibt es noch fünf weitere Berater, die langjährige Berufserfahrung in den Bereichen Marketing, Finanzen und Einzelhandel haben und Tipps sowie Feedback geben: „Wer Interesse an Alwin-Genial hat, kann seine Projektidee vorstellen. Gemeinsam mit dem Interessent besprechen wir sie und überprüfen das Konzept auf Machbarkeit. Uns ist es wichtig, dass es sich dabei um keinen Nullachtfünfzehn-Laden handelt, sondern wirklich etwas Besonderes ist. Zudem sollte das Sortiment qualitativ hochwertig sein, weil wir hier keine großen Filialisten, sondern tolle Ideen fördern wollen“, verrät Ertz. So haben sich in Wittlich bereits ein Eisenbahnladen sowie ein Zigarrenladen mit Raucherlounge etabliert. „Kunden wollen bestimmte Produkte vor Ort einkaufen. Dazu gehören insbesondere hochpreisige Waren. Vor dem Kauf will man sie zumindest einmal in der Hand gehalten haben. An einer Zigarre will man riechen, um die verschiedenen Düfte auf sich wirken zu lassen. Und letzten Endes kann man sie auch nicht digital rauchen“, schmunzelt Ertz.

Wie teuer ist das Leerstandsprojekt?

 

Bei Alwin-Pop-Up hingegen können sich Kreative ausprobieren. Für einen Zeitraum von einer bis 12 Wochen können sie sich einen Pop-Up Store mieten, für den sie lediglich 75 Euro pro Woche zahlen. „Das Konzept ermöglicht es, seine Idee zu testen, bevor man einen festen Laden aufmacht. Aus der Erfahrung wissen wir, dass aus den vorübergehenden Shops häufig richtige Läden entstehen“, weiß Ertz aus der Erfahrung zu berichten. Beim dritten und letzten Baustein können die Interessenten einen Laden mieten und dafür eigene Konditionen mit den Eigentümern des Ladens aushandeln. Dennoch stehen die Experten auch hier für eine Beratung zur Seite. „Bei Bedarf passen wir das Konzept immer wieder an und schauen, was die Händler besser machen können, wo sie Kontakte knüpfen können, auf welchen Veranstaltungen sie auftreten und wie sie die Außenwerbung erhöhen können“, erklärt der Makler. Insgesamt kostet Alwin 21.000 Euro und wird durch das Städtebauförderprogramm „Aktive Stadt- und Ortsteilzentren“
gefördert. Längst erreichen Wittlich nicht mehr nur Anfragen von Einzelhändlern sondern auch von kommunalen Vertretern: „Wer Interesse an Alwin hat, kann gerne nach Wittlich kommen, um sich persönlich zu überzeugen“, erklärt der Bürgermeister.

 

Leerstand reduzieren mit dem Projekt Alwin in Wittlich
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