Ein Präventionsbeauftragter in jeder Kommune könnte helfen, Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern zu verhindern, sagt der Bundesbeauftragte der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs.
Ein Präventionsbeauftragter in jeder Kommune könnte helfen, Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern zu verhindern, sagt der Bundesbeauftragte der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs.
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Sexueller Missbrauch

Kommunen brauchen Präventionsbeauftragte

Ein Präventionsbeauftragter für jede Stadt und Gemeinde, um sexuellem Missbrauch in Vereinen und Schulen keine Chance zu geben. Das fordert der Bundesbeauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, im KOMMUNAL-Interview.

Vor zehn Jahren haben die Opfer des Berliner Canisius-Kollegs angefangen, über den sexuellen Missbrauch an ihrer Schule zu sprechen. Doch während der Missbrauch in den Kirchen seitdem ein gesellschaftliches Thema ist, wartet auf die Kommunen noch jede Menge Arbeit. Benjamin Lassiwe sprach dazu mit Johannes-Wilhelm Rörig. Der Jurist ist im Dezember 2011 von der Bundesregierung zum "Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs" berufen worden. "Ein Präventionsbeauftragter für jede Kommune" ist sein Ziel. 

Herr Rörig, warum sollten Kommunen das Thema „sexueller Missbrauch“ angehen?

Bürgermeister und Stadträte sollten sich jeden Tag vor Augen führen, dass Mädchen und Jungen laut Polizeilicher Kriminalstatistik und Dunkelfeldforschung überall, auch in allen Kommunen, in einem unerträglichen Ausmaß sexuelle Gewalt erleiden. Vor allem in der Familie, aber auch in Einrichtungen, in denen sie Erwachsenen anvertraut sind, und auch mittels digitaler Medien. Die kommunalen Spitzenvertreter sollten sich deswegen klar darüber sein, welche Verantwortung sie haben, dass sie Kinder in ihrem Verantwortungsbereich ausreichend vor sexueller Gewalt schützen. Der Schutz der Mädchen und Jungen ist nicht nur eine Aufgabe der Kinder- und Jugendhilfe oder der Jugendämter. Der Kampf gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen kann nur gewonnen werden, wenn alle zusammenarbeiten, auch in der Kommunalpolitik.

Sollten Gemeinden und Landkreise Präventionsbeauftragte ernennen?

Ich finde, jede Gemeinde sollte darüber nachdenken. Überall, dort, wo Mädchen und Jungen Erwachsenen anvertraut werden, sollte es Präventions- und Interventionsmaßnahmen geben. Präventionsbeauftragte könnte sich darum kümmern, dass Schutzmaßnahmen auch wirklich entwickelt und gelebter Alltag werden.

Was heißt das für eine kommunale Kita?

Für eine kommunale Kita bedeutet das, dass die Leitung verpflichtet sein sollte, ein Schutzkonzept gegen sexuelle Gewalt umzusetzen. Dafür braucht sie aber Unterstützung – personelle und finanzielle Ressourcen. Schutz und Hilfe gegen sexuelle Gewalt ist nicht zum Nulltarif zu haben. Zu einem Schutzkonzept gehört, dass man zum Beispiel mögliche Risiken in einer Einrichtung erkennt und analysiert, einen Verhaltenskodex aufstellt oder Beschwerde- und Hilfestrukturen etabliert. Wichtig ist auch, dass vertrauensvolle Ansprechpersonen für Kinder und Eltern benannt werden, an die man sich wenden kann, wenn man ein komisches Gefühl, eine Vermutung oder einen Verdacht hat. Mit einem Schutzkonzept kann man nicht nur dafür sorgen, dass eine Kita kein Tatort wird – sondern auch Schutzort ist, gerade für die vielen Kinder, die Missbrauch zum Beispiel in der Familie erleiden. Eine Kita kann der Ort sein, an dem Dritte etwas bemerken und helfen können. Deswegen sind Fortbildungen so wichtig – damit die Erzieherinnen und Erzieher ein Basiswissen zu Missbrauch haben, merken können, wenn etwas nicht stimmt und dem Kind Hilfe zukommen lassen können.

Aber führt so etwas nicht gerade in kleinen Gemeinden auch zu sozialem Unfrieden? Werden da nicht Verdachtsmomente geschürt?

Aus unserer Sicht ist die Prävention von sexuellem Missbrauch ein Zeichen für die Qualität einer Kita. Und das müssen wir kommunizieren. Wenn ein Zebrastreifen vor einer Schule aufgemalt wird, unterstelle ich ja auch nicht allen Autofahrern, dass sie Raser sind. Wir brauchen aber eine höhere Sensibilität und ein höheres Wissen in der Bevölkerung, und wollen deswegen eine bundesweite Aufklärungskampagne entwickeln. Alle in Deutschland müssen wissen, was sexuelle Gewalt ist, wie manipulativ Täter und Täterinnen vorgehen und welche Signale Kinder aussenden können. Oft sind es beispielsweise Verhaltensänderungen, mit denen die Kinder auf den Missbrauch reagieren, manche ziehen sich plötzlich in sich zurück, andere wieder werden sehr aggressiv.

Was ist bei freien Trägern, die eine kommunale Einrichtung betreiben?

Mit den Kirchen und Wohlfahrtsverbänden sind wir hierzu im Kontakt und suchen Wege, wie wir ein möglichst hohes und flächendeckendes Schutzniveau erreichen. Nach dem Gesetz müssen alle Kitas, egal in welcher Trägerschaft, sowie Tagespflegestellen und auch Elterninitiativen, die aus öffentlichen Mitteln gefördert werden, für ihre Betriebserlaubnis bestimmte Schutzmaßnahmen vorweisen. Es ist wichtig, dass die Landesjugendämter bei der Erteilung der Betriebserlaubnis unbedingt darauf achten, welches Qualitätsniveau die Schutzstandards haben und ob sie im Alltag auch wirklich zur Anwendung kommen. 

Was ist mit den Ehrenamtlichen – in der Jugendfeuerwehr, im Sportverein, in der Kirche?

Wenn Schutzkonzepte dort eingeführt werden, müssen auch die Ehrenamtlichen einbezogen werden. Auch sie müssen die Schutzkonzepte, zum Beispiel den Verhaltenskodex, kennen und sich entsprechend verhalten.

Was ist mit dem polizeilichen Führungszeugnis?

Das sogenannte „erweiterte polizeiliche Führungszeugnis“ ist ein wichtiges Instrument der Prävention. Man möchte ja auf jeden Fall verhindern, dass Kinder Menschen anvertraut werden, die schon einmal wegen Sexualstraftaten verurteilt wurden. Aber: Diese Führungszeugnisse schützen nur vor verurteilten Tätern, bei denen der Eintrag noch nicht wieder getilgt ist. Gegen Ersttäter oder solchen, deren Verurteilung lange her ist, sind sie wirkungslos. Wer nie oder vor sehr langer Zeit ins Netz der Polizei gegangen ist, wird natürlich auch ein sauberes Führungszeugnis haben.

Wie geht man damit um, wenn in einem Führungszeugnis zwar nichts von Missbrauch steht, aber dafür ein Eintrag wegen Diebstahls?

In der Fachwelt wollen wir genau deswegen die Führungszeugnisse zu modifizieren. Denn oft wird das so genannte „Sozialgeheimnis“ nicht gewahrt, wenn in einem Führungszeugnis jede Menge Einträge zu finden sind. Deswegen bin ich selbst im Bundestag politisch unterwegs, um aus dem erweiterten Führungszeugnis eine „bereichsspezifische Abfrage“ werden zu lassen – das heißt, man kann vor der Erstellung der Auskunft genau definieren , welche Straftaten überhaupt nur abgefragt werden. Schließlich hat man vielerorts enorme Probleme, Ehrenamtliche zu finden.

Viele Kommunen sind Träger eines Freibades. Welche Aufgaben sehen Sie als Missbrauchsbeauftragter da?

Im Freibad ist es ähnlich wie im Sport. Für potentielle Täter kann es durch die knappe Bekleidung und mögliche körperliche Nähe interessant sein. Daher braucht es auch für einen Bäderbetrieb klare Regeln zum Verhältnis von Nähe und Distanz. Umkleiden müssen so eingerichtet sein, dass sie abgeschlossen werden können. Toiletten müssen abgeschlossen werden können. In Duschen muss ein Fotografierverbot gelten und Eltern und Kinder sollten zum Thema informiert und auf Beschwerde- und Hilfestrukturen aufmerksam gemacht werden. 

Aber, mit Verlaub – sind das nicht Selbstverständlichkeiten? Wieso gilt das denn nicht überall?

Vielerorts hofft man einfach: „Bei uns wird das schon nicht passieren.“ Und man scheut die schwierige Auseinandersetzung mit dem Thema. Man hat Angst, andere könnten denken, in der Einrichtung gibt es schon ein Problem damit. Wir haben bei der Prävention von sexuellem Missbrauch oft auf Freiwilligkeit gesetzt. Aber durch unser Monitoring zu Schutzkonzepten in Eirichtungen haben wir in den letzten Jahren eben auch erfahren, dass es leider längst nicht überall Schutzmaßnahmen gegen sexuellen Missbrauch gibt.

Trotzdem gibt es viele kleine Orte im Land, wo man Ihnen sagen wird: „Hier kennt doch jeder jeden, hier passiert so etwas doch nicht...“

Das ist eben genau der Trugschluss. Sexuelle Gewalt findet überall statt. In kleinen Gemeinden, in mittleren Gemeinden und auch in großen Gemeinden. Gemeindevertretungen sollten dieses Thema nicht scheuen – denn ansonsten riskieren sie, dass irgendwo in ihrem Bereich Fälle stattfinden und über Jahre unentdeckt bleiben, wie im Fall Lügde. Über sexuellen Missbrauch zu reden und Vorsorge zu betreiben ist keine Nestbeschmutzung. Es ist gelebter Kinderschutz. Wie bei der Vorbeugung von Verkehrsunfällen muss man über bestimmte Dinge einfach aufklären und vorbeugen.

Wo und wie können sich Kommunalvertreter denn schulen lassen?

Ich fände es gut, wenn die kommunalen Spitzenverbände entsprechende Schulungen für Kommunalpolitiker organisieren. Und die jeweiligen Fachverbände sollten das für ihre Fachkräfte machen – wir haben zum Beispiel mal mit Bäderbetrieben über die Einführung von Schutzkonzepten gesprochen. Denn wenn es in den Schwimmbädern keine Aushänge gibt, wo man sich über Missbrauch beschweren kann, wenn Eltern nicht darüber aufgeklärt werden, was dort passieren kann, und sie anschließend nicht mit ihren Kindern reden, dann gehen da Fünfjährige in den Schwimmunterricht, und denken, es gehört dazu, dass ihnen der Schwimmmeister zwischendrin mal zwischen die Beine fasst. Solche Fälle hat es in Deutschland schon einige gegeben.