Reinhard Krebs spricht über Kommunalpolitik
Anna-Lena_Thamm Bearbeitung durch KOMMUNAL

Kommunalpolitik: Landrat spricht über Politik-Verdrossenheit

Mi, 17.10.2018

In immer mehr Gemeinden in Deutschland findet sich kein Kandidat mehr für das Bürgermeisteramt. KOMMUNAL-Serie zur Zukunft der Kommunalpolitik: Wir stellen Ihnen in den kommenden drei Ausgaben engagierte Männer aus Thüringen vor, die über ihre politischen Erfahrungen, Enttäuschungen und Erfolge sprechen.

Interview: Roland Ziepke

Den Anfang dieser Serie macht Reinhard Krebs. Er kandidierte im Jahr 2006 als parteiloser Kandidat mit Unterstützung der CDU im Wartburgkreis und wurde zum Landrat gewählt. 2012 und 2018 wurde er wiedergewählt.

KOMMUNAL: Bei Ihrer Wiederwahl in diesem Jahr lag die Wahlbeteiligung bei schlechten 37 Prozent, der niedrigste Wert in ganz Thüringen. Keine engagierten Wähler und keine guten Kandidaten – ein Teufelskreis?

 

Reinhard Krebs: Ja. Eine Ursache dafür ist, Firmen brauchen motivierte Fachkräfte, die unsere Wirtschaft vorantreiben. Genau diese Leute benötigen wir aber auch als engagierte Politiker. Ein weiterer Aspekt: Wahlen sind Momentaufnahmen. Zu einem anderen Zeitpunkt kann die Beteiligung ganz anders ausfallen.

 

Bürgermeister findet keinen Nachfolger. Reinhard Krebs im Interview
Reinhard Krebs lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern bei Eisenach. Dort war er zehn Jahre lang Leiter des Landwirtschaftsamtes.

 

Schlechte Wahlbeteiligung in der Kommunalpolitik - Woran liegt das?

 

In der Politik wird nur gestritten, das nehmen die Leute leider vordergründig wahr. Jeder Trump-Tweet wird bewertet, doch über Kommunalpolitik wissen die Leute zu wenig. Städte- und Gemeinde-Themen kommen nur in kleinen Lokalzeitungen vor. Auch in Schulen wird zu wenig Wert darauf gelegt. Viele kennen den genauen Staatsaufbau nicht, erkennen keine gesellschaftlichen Zusammenhänge oder es fehlt ihnen am Verständnis für komplizierte Verantwortungsketten. Wer ist für was zuständig? Obwohl Landkreise beispielsweise für die Müllversorgung und die Krankenhäuser verantwortlich sind, verbinden die Menschen, was sie täglich umgibt, nicht mit unserer Politik.

 

Besteht zwischen Thüringen und den anderen neuen Bundesländern ein Zusammenhang?

 

Thüringer, Sachsen, Brandenburger und Mecklenburger haben noch die Erfahrungen mit der SED in der DDR intus. Da gab es keinen wirklichen Kommunikationsaustausch mit politisch Verantwortlichen. Wenn Politiker weit weg scheinen, gewöhnen sich die Menschen schneller daran, dass der Staat alles regelt. Das hat sich von Generation zu Generation so eingeschleust. Dass man sich auch selbst engagieren muss, ist weiter weg. Heute brauchen wir Bürger, die mitdenken und nachfragen.

 

Warum begeistern Sie sich für Kommunalpolitik und stellten sich zur Wahl?

 

Ich bin Quereinsteiger. Habe Landwirtschaft studiert und zehn Jahre das staatliche Landwirtschaftsamt geleitet. Dann bin ich vom CDU-Kreisvorsitzenden gefragt worden, obwohl ich parteilos war. Da ich in der Verwaltung tätig war, weiß ich, wie man Menschen beteiligt. Ich kann gestalten und leiten. Man wird Generalist, kennt weniger Details, sondern zieht an den großen Fäden. Ich habe ein gesellschaftliches Interesse, doch wer so ein Mandat übernimmt, verändert sein Leben – die Familien müssen das mittragen. Ein Gutteil seiner Freizeit aufzugeben, lässt sich wieder gutmachen - für mich durch Erfolge und unter Menschen zu sein.

 

In unserer nächsten Ausgabe sprechen wir mit einem frisch gebackenen Bürgermeister in Thüringen, der erst seit wenigen Wochen im Amt ist. Er hatte genau das Gegenteilige Problem – in seiner Stadt gab es nicht zu wenige Kandidaten. Er musste sich gegen neun Mitbewerber durchsetzen. Mehr in unserer Ausgabe 12/2018
 

 

Kommunalpolitik: Welche politischen Schwerpunkte haben Sie für sich gesetzt?

 

Mir ist es wichtig, die medizinische Versorgung im Landkreis zu gewährleisten, den ÖPNV zukunftssicher zu machen, denn um ländliche Gebiete besser anzubinden, benötigt es  Umstrukturierungen. Straßen müssen funktionieren. Schulen sollten tipptopp sein: Wir haben bereits 60 Schulstandorte. Und die Verwaltung muss service-orientiert arbeiten.

 

Man befindet sich als Politiker immer in der Schusslinie. Mittlerweile geht es ja – neben Beleidigungen und Beschimpfungen – auch um Morddrohungen. Womit kämpfen Sie persönlich?

 

Ja, man steht regelmäßig in der Kritik. Ich glaube, man muss versuchen, seine Aufgabe richtig zu machen - das ist wichtig. Mein Hauptproblem: wie bekomme ich was ich tue unter die Leute? Wie sage ich was? Es sind teilweise sehr trockene Themen mit schwierigen Zusammenhängen. Die ehrenamtlichen Kreistagsmitglieder können erst nach ihrer Arbeit zusammenkommen und dann sollen sie schwerwiegende Entscheidungen treffen. Und dann kommt noch die reine Politik ins Spiel, mit ihren vielen verschiedenen Fraktionen und den sehr unterschiedlichen Meinungen. 

„In der Politik wird nur gestritten“

 

 

Reinhard Krebs
 

Was können Sie tun, um mehr Menschen für die Kommunalpolitik zu begeistern?

 

Die Bürger wollen jemanden, der ihnen zuhört. Daher ist es wichtig, dauerhaft den Kontakt suchen. Zum Beispiel durch einen kommunalen Tag. Den kann jede Gemeinde auf Wunsch beantragen. Seit 2007 mache ich dabei Ortsrundgänge, halte Bürgersprechstunden und Gemeinderatssitzungen ab. Da wird kein roter Teppich ausgerollt, sondern die Probleme auf den Tisch gepackt. In der Rhön in Empfertshausen ging es beispielsweise um die Aufarbeitung alter Industriebrachen, die das Ortsbild verschandeln. Wir haben besprochen, wie die Hochwasserschäden beseitigt wurden.

 

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