Bertelsmann Stiftung schlägt Schließung von 800 Krankenhäusern vor.
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Schließung von 800 Krankenhäusern soll Versorgung verbessern

800 von 1.400 deutschen Kliniken sollen geschlossen werden. Das fordert eine aktuelle Studie, um die medizinische Versorgungsqualität zu verbessern. Besonders Krankenhäuser im ländlichen Raum wären davon betroffen. Kritik kommt aus Politik und Verbänden.

Bei einem medizinischen Notfall möchte jeder gerne schnellstmöglich behandelt werden. Geht es etwa um schwere innere Verletzungen, Schlaganfälle und Herzinfarkte können Minuten über die Rettung und Heilungschancen entscheiden. Deshalb war lange die Strategie möglichst viele Krankenhäuser über das Land verteilt zu betreiben. Anfahrtszeiten sollten für jeden so gering wie möglich sein. Doch was ist, wenn das nächstgelegene Krankenhaus nicht über adäquate Geräte verfügt, mit Personalmangel kämpft oder die Ärzte nur wenig Erfahrung haben?

Gerade Krankenhäuser im ländlichen Raum sind oft defizitär

Eine Studie, durchgeführt vom Berliner Institut für Gesundheits- und Sozialforschung (IGES) und beauftragt von der Bertelsmann Stiftung, hat genau diese Mängel bei einer Vielzahl besonders der kleineren Kliniken festgestellt. Ein Expertengremium hat zunächst Qualitätskriterien definiert: Eine gesicherte Notfallversorgung, Facharztbereitschaft rund um die Uhr, Erfahrung und Routine des medizinischen Personals und angemessene technische Ausstattung. Diesen Qualitätskriterien werden viele deutsche Kliniken nicht gerecht. Besonders kleinen Kliniken im ländlichen Raum fehlt es oft an erfahrenem Personal und moderner Technik. Bei einem Herzinfarkt brauche man etwa die Möglichkeit Linksherzkatheteruntersuchungen durchzuführen. Die technischen Möglichkeiten dazu fehlten über 60 Prozent der deutschen Krankenhäuser.

Studie fordert Schließung von 800 Kliniken

Die Lösung ist laut der Studie ein radikaler Abbau von Krankenhäusern. Erfahrenes Personal und eine gute technische Ausrüstung sollten auf weniger Krankenhäuser konzentriert werden. Das IGES geht davon aus, dass die Versorgungsqualität deutlich stiege, würden die derzeit knapp 1.400 Kliniken in Deutschland auf unter 600 reduziert. Der Abbau würde besonders die kleinen Kliniken im ländlichen Raum treffen. Auch der Ärztemangel und die Personalengpässe bei den Pflegekräften würden dadurch gelöst werden. Die Studie zeigt dies anhand einer Simulation für den Raum Köln-Leverkusen. Die Forscher haben sich die dort vorhandenen 38 Kliniken angesehen und errechnet, dass mit nur 14 Krankenhäusern in der Region die durchschnittlichen Anfahrtzeiten nicht erheblich steigen würden. "Das Ergebnis, dass in der betrachteten Region eine Reduzierung auf weniger als die Hälfte der Kliniken zu einer Verbesserung der Versorgung führen würde, klingt zunächst drastisch", sagt Krankenhausexperte Uwe Preusker. An vielen Stellen lägen der Berechnung jedoch eher zurückhaltende Annahmen zugrunde, so zum Beispiel bei der medizinisch erforderlichen Leistungsmenge oder der Verweildauer im Krankenhaus.

Zentralisierung der Krankenhäuser: Vorbild Dänemark

Das Prinzip einen großen Teil der Krankenhäuser zu schließen, um wenige gute Kliniken mit guten Personal und technischen Geräten aufbauen zu können, ist nicht neu. In Dänemark wird genau dieser Ansatz derzeit umgesetzt. Das Land hatte zu Beginn des Vorhabens 80 Kliniken. Derzeit sind es noch 38, am Ende sollen nur 21 Kliniken übrig bleiben. Sie sind so über das Land verteilt, dass die Anfahrtswege für alle möglichst gering sind. Die Notrettung geschieht über einen zentralisierten Dienst. Während die neuen Kliniken sehr hohen Standards entsprechen, sind viele Bürger besorgt. Während sich der durchschnittliche Anfahrtsweg zur Klinik nicht erheblich erhöht hat, sind die Anfahrtswege in bestimmten Regionen doppelt oder dreifach so lang wie vorher.

Lesen Sie hierzu auch unser Pro-Contra:

Sorge bei der Bevölkerung im ländlichen Raum

Auch in Deutschland gab es schon häufig Sorge in der Bevölkerung, wenn eine Klinik geschlossen werden musste. 2018 etwa schloss die Klinik in Waldkirchen im bayerischen Wald. Im Landkreis gab es drei Kliniken und der Landrat entschied, die kleinste zu schließen, um die anderen beiden Kliniken besser ausrüsten zu können. Zurück blieb in Waldkirchen ein medizinisches Versorgungszentrum, das jedoch keine Notfälle versorgen kann. Um zum nächsten Krankenhaus zu kommen, müssen die Einwohner nun durch den Wald in den nächsten Ort fahren. Der Unmut in der Bevölkerung ist groß. Und auch von Experten kommt Kritik an der Forderung 800 Kliniken zu schließen. So sagt etwa Rudolf Henke vom Ärzteverband Marburger Bund gegenüber dem Deutschlandfunk: "Wenn man den Investitionsbedarf, den die Dänen aufgebracht haben, auf die Bevölkerung der Bundesrepublik überträgt, dann braucht man für ein solches Projekt - auch mit der Zahl 600 Krankenhäuser - einen Investitionsbedarf, der jenseits von 80 Milliarden Euro liegt. Wenn man sich anschaut, dass heute zusammengenommen im Jahr die Bundesländer ganze 2,7 Milliarden in die Krankenhäuser investieren, dann sehe ich nicht, wie man dieses dänische Vorbild in Deutschland umsetzen will, sehe nirgendwo die politische Bereitschaft, dieses Geld ad hoc aufzubringen."

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Kritik aus Politik und Verbänden

Auch der Gesundheitsexperte der SPD, Karl Lauterbach, warnt davor über die Hälfte der deutschen Krankenhäuser zu schließen. Gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sagt er: „Gerade auf dem Land, aber auch in den Brennpunkten einiger Städte gibt es eine Unterversorgung mit Krankenhausbetten.“ Pauschal kleine, weniger gut ausgestattete Krankenhäuser zu schließen, würde dieses Problem nur noch weiter verschärfen. Auch Lauterbach hält die Schließung einiger Krankenhäuser für sinnvoll, man müsse jedoch im einzelnen gucken, wo Krankenhäuser verzichtbar sind. Ebenfalls gegenüber der FAZ erinnert der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, daran, dass die Kommission gleichwertige Lebensverhältnisse eine gut erreichbare, wohnortnahe Gesundheitsinfrastruktur für alle Menschen als eines ihrer Ziele definiert habe. Die Schließung von 800 Krankenhäuser würde dieses Ziel in weite Ferne rücken.​

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