Naturschutz
Sollen Kommunen Schottergärten verbieten?
Der größte Effekt sei in der Praxis die Schaffung eines neuen Bewusstseins gewesen. Mit einem Male seien zum Beispiel viel detailliertere Baupläne eingereicht worden. „Früher lag der Fokus ausschließlich auf dem Gebäude, der Zufahrt und der Garage. Die Freifläche war eindeutig das Stiefkind. Das ist nun anders“, sagt Weber. So werde jetzt viel mehr Wert auf die Gestaltung der Freiflächen gelegt. „Zum Garten hat man sich früher keine großen Gedanken gemacht. Nun wird er von den Bauherren und Planern von Anfang an mitbedacht und geplant, das ist ein großer Fortschritt.“
Stadt Erlangen schickt Brief gegen Schottergärten
Und wie sieht es aus mit der Umsetzung des Verbots? Zwar prüft die Stadt Erlangen die eingereichten Pläne für Neubaugebiete, ansonsten finden keine expliziten Kontrollen statt. Gleichwohl kämen immer wieder Hinweise durch Nachbarn. „Darauf bitten wir erstmal darum, den Nachbarn mit dem Schottergarten direkt anzusprechen. Und in Folge schicken wir einen Brief von der Stadt“, so Weber. Sehr häufig würden die Bürger dann ein Einsehen haben und entsprechend reagieren. „Wir kontrollieren nicht und es funktioniert trotzdem. In 90 Prozent der Fälle führt das zu Erfolg“, sagt Weber, und alleine das Signal, dass die Kommune mehr darauf achte, habe einen enormen Effekt gehabt. Als Kommune und Stadtverwaltung müsse man sich die Frage stellen: „Wollen wir 100 Prozent erreichen oder reichen uns vielleicht auch 90 bis 95 Prozent?
Viele Bürger merken nun: Auch ich als Einzelner kann etwas tun für das Klima.“
Andernach: Schottergarten-Verbot bei Neubauten
In Andernach steht das Thema Natur schon seit vielen Jahren auf der Agenda. Bereits seit 2010 wird dort das Projekt „Essbare Stadt“ verfolgt, seit 2019 gibt es zudem eine „Grün-Strategie“. In diesem Zusammenhang stand auch die Verschotterung im Fokus, wie Johannes Mader, der Sachgebietsleiter für Umwelt und Nachhaltigkeit, berichtet, und wurde in den Bebauungsplänen für Neubaugebiete ein explizites Schottergärten-Verbot aufgenommen. Allerdings mit mäßiger Auswirkung, wie Mader sagt: „Zum einen betrifft das ausschließlich Neubauten. Und zum anderen ist ein Verbot zwar schön und gut, aber es muss auch jemand da sein, der das kontrolliert.“
Ein Verbot ist zwar schön und gut, aber es muss auch jemand da sein, der das kontrolliert.“
Vorgarten-Wettbwerb geplant
Gerade angesichts des fehlenden kommunalen Personals seien die Hebel da definitiv begrenzt. Deshalb hat sich die Kommune daran gemacht, durch gezielte Aufklärungsarbeit zu verhindern, dass Schottergärten überhaupt erst angelegt werden. Im Rahmen des Wettbewerbs „Naturstadt“ hat Andernach das Projekt „Naturnaher Vorgarten gestartet, das die Vorteile bepflanzter Gärten aufzeigen soll. Konkret sind zwei Modellgärten entstanden: ein naturnah gestalteten Garten sowie als „Negativbeispiel“ ein Schottergarten. Der Weckruf hat funktioniert, wie Mader sagt: „Es gab sofortige Bürger-Rückmeldungen und es wurde viel diskutiert“. Ergänzt wurde die Anlegung der Beete durch die Ausgabe einer 10-Quadratmeter-Staudenmischung an interessierte Bürger, außerdem ist ein Vorgarten-Wettbewerb in Planung. Von den Andernacher Bürgern werde das positiv wahrgenommen. „Die Kommune ist nach dem Privatmann die erste Einheit, die etwas tun kann“, so Mader.

Ähnlich sieht man das auch in Einhausen. „Ich bin überzeugt davon, dass man die Bürger miteinbinden kann, wenn man sie informiert und unterstützt“, so Bürgermeister Helmut Glanzner. Gleichwohl habe auch in Einhausen in der Vergangenheit die Anlage von Schottergärten zugenommen. „Als erstes ist uns das in bestehenden Wohngebieten aufgefallen“, erklärt der Bürgermeister. Oft seien die Gartenbesitzer dort ältere Bürger gewesen, die sich jahrzehntelang um ihre ehemals grünen Gärten gekümmert, aber nun aus Altersgründen auf den vermeintlich pflegeleichteren Schottergarten umgestellt hätten. Zudem wurde der Schotter auch in den Neubaugebieten zum Thema. So kam auch in Einhausen das Thema Schottergärten auf die Agenda des Gemeinderats – mit klarem Ergebnis: „Es stand schnell fest: Wir wollen kein Verbot, sondern stattdessen Aufklärung und Überzeugungsarbeit leisten.
Kampagne in Einhausen gegen Schottergärten
Oft fehlt den Menschen einfach nur das nötige Hintergrundwissen“, so Glanzner. Für das Frühjahr 2022 wurde nun eine Kampagne angestoßen, die dieses Ziel auf verschiedenen Wegen verfolgt. Zum einen wurde die „Einhäuser Mischung“ entwickelt, ein Saatgut-Mix, der den Bürgern kostenfrei zur Verfügung gestellt wird. Zum anderen ist für alle interessierten Bürger eine Einzelberatung rund um eine „ökologische, pflegeleichte und zeitgemäße Gartengestaltung“ möglich, wie Glanzner sagt. „Unser Fachpersonal steht den Bürgern gerne zur Seite, wenn sie Fragen rund um die Gartengestaltung haben – das Knowhow unserer Mitarbeiter soll schließlich allen zu Gute kommen“. Zudem ist eine „Bürger helfen Bürgern“-Organisation in Planung, um auch älteren Mitbürgern die Pflege ihrer Gärten zu erleichtern, außerdem soll vor dem Rathaus ein Vorzeige-Blühstreifen entstehen.

Blütenreich und möglichst grün sollen auch die Gärten in Ubstadt-Weiher werden. Unter dem Titel „ArtenReich“ wurde dort eine Kampagne zum Thema Artenvielfalt und Insektenfreundlichkeit im Garten gestartet. „Eine wirklich praktische Handhabe, um Schottergärten zu verbieten, gibt es nicht“, so Silke Weber vom Bau- und Umweltamt, und eine restriktive Umsetzung sei in der Praxis unrealistisch. Stattdessen versuche man in Ubstadt-Weiher, die Menschen mit kreativen Ideen zu erreichen. Eine davon ist die sogenannte „ArtenReich-Kiste“. Konkret handelt es sich dabei um eine Kiste mit 24 Stauden, die in den ortsansässigen Gärtnereien erworben kann. Für 60 Euro erhalten die Käufer eine „spezielle Mischung mit passenden Stauden, die für die meisten Böden funktionieren und für 4 Quadratmeter Fläche reichen“, wie Weber sagt.
Ubstadt-Weiher: Schottergärten auflockern
Im Einkauf würde die Mischung 75 Euro kosten – die 15 Euro Vergünstigung werden aus dem Gemeindehaushalt gezahlt. Ergänzend zur Kiste gab es einen Flyer mit einer genauen Pflanzanleitung, denn Weber weiß: „Vielen Leuten fehlt die Phantasie, was sie mit einem relativ kleinen Grünbereich machen sollen. Da hilft die Kiste. Sie liefert eine fertige Kombination mit Anleitung, das ist nicht aufwändig.“
Die Bürger hätten so die Möglichkeit bekommen, das Gärtnern für wenig Geld und Zeit einfach mal auszuprobieren, sagt Silke Weber. Damit erreiche man natürlich nicht alle und es gäbe immer auch Leute, die weiterhin zufrieden und glücklich seien mit ihrem Schottergarten. Bei den meisten Einwohnern aber sei die Aktion gut angekommen. Der für sie schönste sichtbare Erfolg: Mittlerweile gibt es in Ubstadt-Weiher sogar einige Schottergärten, in denen wieder ein paar Quadratmeter Grün eingezogen ist: bepflanzt mit den Stauden aus der Kiste.



