Wir haben Angst, dass uns das Ausland abhängt, wenn es um technische Innovationen und intelligente Städte geht. Angst, dass Deutschland in ein paar Jahren doof aus der Wäsche guckt. Doch ist das mulmige Gefühl auch wirklich begründet?

Smart City - Verschlafen wir den digitalen Wandel?

Kritiker warnen davor, dass Deutschland bei der Digitalisierung hinterher hinkt. Doch zwei Experten haben dazu eine ganz andere Meinung...

Autonom fahrende Busse, eine effiziente Müllabfuhr oder eine intelligente Straßenbeleuchtung – auf der ganzen Welt werden neue Projekte ins Leben gerufen, die unsere Städte lebenswerter machen sollen. So wurde zum Beispiel in Südkorea eine Smart City gebaut, die an die Metropole Incheon angegliedert wurde. In der Smart City können die Heizungen und das Licht in den Wohnungen ferngesteuert werden. Kameras und Sensoren überwachen rund um die Uhr den Verkehr. Und wenn die Busse und Bahnen zu spät kommen, wird der Bewohner sofort über sein Smartphone informiert. Doch die Smart City scheint bei den Menschen nicht gut anzukommen. Die Folge: Die Wohnungen stehen leer. Die Stadt wirkt wie ausgestorben. Mit der zaghaften Nachfrage ist die südkoreanische Stadt nicht allein. Auch Masdar City, eine Öko-Stadt in Abu Dhabi bleibt leer. Die Stadt wird mit Solarstrom versorgt und lockt mit CO2-neutralen Gebäuden. Doch die Wohnungen sind extrem teuer, weshalb sich viele Menschen das Leben in der Smart City nicht leisten können. Masdar City und Songdo sind zwei Beispiele, die zeigen, wie schwierig es ist, neue, smarte Städte zu erschaffen. „Häufig ist es einfacher, Projekte in bestehende Stadtsysteme zu integrieren“, weiß Raoul Bunschoten, Professor für Stadtentwicklung an der TU Berlin. In Barcelona zum Beispiel wurde die Stadtverwaltung komplett auf E-Government umgestellt, sodass die Bürger auf digitalem Weg mit den Ämtern und Behörden kommunizieren. Zusätzlich erfahren Gärtner durch Sensoren in den Böden und aktuelle Wetterdaten, ob die Parks bewässert werden müssen oder nicht. Und auch die Müllabfuhr arbeitet effektiver als bei uns. Denn sie weiß, welche Route sie fahren muss, um nur die Mülltonnen mitzunehmen, die voll sind. In der finnischen Stadt Helsinki gibt es im Stadtteil Kalasatama ein Müllsammelsystem das über unterirdische Pipelines Müll ansaugt und zur Sammelstelle leitet. Innovative Ideen wie diese stammen häufig aus dem Ausland und werden dort auch sehr schnell umgesetzt.  

 

Smart City - gucken wir mal nach Deutschland!

Doch wie sieht es in Deutschland aus? Welche Visionen und Konzepte entstehen hier? In Bad Birnbach zum Beispiel werden autonom fahrende Busse getestet, in Reutlingen und Bonn werden die Routen der Müllfahrzeuge optimiert, indem die Fahrer in Echtzeit erfahren, wie voll eine Mülltonne ist. Die Müllabfuhr muss deshalb nicht mehr jede halbleere Tonne anfahren. In Düsseldorf wurden neue Konzepte zur Revitalisierung der Innenstadt getestet. Über kleine Bluetooth-Sender (Beacons), die in den Läden installiert wurden, bekamen die Kunden, die draußen vorbeiliefen, Sonderangebote auf das Smartphone geschickt. Dabei sind die Beacons eines Ladens meistens mit anderen Sensoren in der Stadt verbunden, die in Echtzeit Wetterdaten funken. Der Händler kann mithilfe der Sensoren direkt auf Temperatur- und Wetterschwankungen reagieren und bei Regen beispielsweise Regenjacken mit extra Rabatt anbieten. 

Smart City? So etwas haben wir hier auch!

In Deutschland sind es häufig keine großflächigen sondern vor allem kleine Projekte, die umgesetzt werden. Experten warnen deshalb davor, dass wir den digitalen Wandel verschlafen und im internationalen Vergleich hinterherhinken.  Doch ist das wirklich so? Eva Schweitzer, Mitarbeiterin des Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung und Raoul Bunschoten, Professor für Stadtentwicklung an der TU räumen mit diesem Vorurteil im KOMMUNAL-Gespräch auf. Ihrer Meinung nach orientiert sich das Ausland an Deutschland, wenn es um das Thema Smart City geht: „In anderen Ländern herrscht eine trial- and error-Mentalität, weshalb zwar mehr Projekte gestartet, aber viele gar nicht weitgeführt werden. In Deutschland legen wir den Fokus aber auf Projekte, die nachhaltig und sicher sind“, weiß Eva Schweitzer. Eine weltweite Vorreiterrolle nimmt Deutschland insbesondere im Bereich der Verkehrsleitsysteme ein. 

Kleinstädte? Sind leider uninteressant!

Doch es ist nicht nur das Sicherheitsdenken, das uns lähmt, sondern unsere gesamte Geschäftskultur: „Die digitalen Lösungen sind auf Großstädte und nicht auf Kleinstädte spezialisiert. Denn die Großstädte sind interessanter für die Unternehmen, weil sie hier mehr Daten sammeln und auswerten können. Hinzu kommt, dass sehr viele Firmen ihre IT-Produkte nicht verkaufen, sondern nur vermieten. Was sich finanziell für die Firmen lohnt, endet teuer für die Kommunen“, warnt Raoul Bunschoten. Viele Projekte setzen außerdem eine gute Internetverbindung voraus. Doch gerade im ländlichen Raum kommt das schnelle Internet sehr langsam. Die Gründe, wieso sich Deutschland nicht so schnell entwickeln kann wie gewollt sind vielfältig. Das größte Hindernis der Zukunft ist für Professor Bunschoten jedoch die fehlende Akzeptanz der Bürger: „Viele Menschen sind sich unsicher, ob ihr Leben durch die Technik wirklich besser wird. Kommunen sollten deshalb die Vor- und Nachteile eines Projekts besser kommunizieren und die Bürger in die Projekte integrieren.“   

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