Sportplätze gibt es fast in jeder Kommune - bis zu 5000 von Ihnen müssen möglicherweise bald schließen
123rf
Sportplätze gibt es fast in jeder Kommune - bis zu 5000 von Ihnen müssen möglicherweise bald schließen

Müssen 5000 Sportplätze schließen?

Sportplätze sind ein Grundpfeiler der Ehrenamtlichen Arbeit in Kommunen vor Ort. Doch mehr als 5000 Sportplätzen - genau genommen allen Kunstrasenplätzen der Republik - droht ein jähes Aus. Und das in sehr kurzer Zeit. Grund ist ein neue geplantes EU-Verbot. Zwar ruderte die EU am Dienstag Abend zurück, die Gefahr ist aber noch nicht gebannt!

Es ist eines der letzten Dinge, bei der Kommunen, die Geldsorgen haben, bereit sind zu sparen - Sportplätze. Wenn alles andere bereits ausgeschöpft ist, hier versuchen alle, zumindest ein Grundangebot vorzuhalten. Dabei sind zwar viele Sportplätze auch sanierungsbedürftig. Aber gerade die Kunstrasenplätze haben viele Vorteile - das beginnt bei der Wartung, diese Sportplätze sind pflegeleicht und somit günstig im Unterhalt. Die Haltbarkeit ist ebenso ein Vorteil wie die nahezu komplette Wetterunabhängigkeit, die ganzjährig konstanten Trainingsbedingungen und das geringe Verletzungsrisiko für Spieler. 

Der Nachteil - und darauf fokussiert sich nun eine neue geplante EU-Verordnung: Es enthält meist ein Granulat aus Gummi und das gilt als Verursacher von Umweltbelastungen durch Mikroplastik. Allerdings hier bereits die erste Einschränkung: Nach Schätzungen ist das Granulat "nur" in etwa 3500 der 5000 Kunstrasenplätze in Deutschland verbaut. Und theoretisch - wenn auch mit sehr hohen Kosten verbunden - kann man das Material auch austauschen. Wobei andere Materialien viele Nachteile haben.  Doch zunächst zurück zum Konstrukt "Kunstrasenplatz": 
Im Grunde ist ein Kunstrasen in der Herstellung vergleichbar mit einem Teppich. Einzelne Fasern bilden die Rasenhalme und diese sind in einem Tuch getuftet. Die Garne bestehen aus den Kunststoffen Polyethylen oder Polypropylen. Das Trägergewebe wird mit Latex beschichtet und die einzelnen Fasern erhalten durch eine Polverankerung zusätzliche Stabilität. 

Den Kunstrasenplatz gibt es seit den 60er Jahren, er kam zunächst in den USA und Kanada auf, verbreitete sich dann auch schnell in Europa. Noch heute werden in den USA jedes Jahr etwa 1500 neue Kunstrasenplätze eröffnet. Zudem ist das Material auch bei uns bei Messen in Ausstellungsräumen etc. sehr beliebt. Privat wird er oft als Ersatz für Naturrasen verwendet oder als Bodenbelag für Balkon oder Terrasse. 

 

Die EU will die Art der Sportplätze europaweit verbieten

An dem Mikroplastik stört sich nun aber die EU und ist seit einigen Wochen dabei, eine Verordnung zu stricken. Demnach sollen Kunstrasenplätze ab dem Jahr 2022 in ganz Europa verboten werden. Das würde dann nicht nur für neue Rasenplätze gelten sondern auch für die Bestehenden. Seit Wochen arbeiten die Fachleute an der Ausformulierung der Gesetze, bisher regte sich nur wenig Widerstand. Sportvereine und Kommunenvertreter waren aber alarmiert. So haben auch wir von KOMMUNAL in den vergangenen beiden Wochen in zahlreichen Kommunen herumgefragt und festgestellt, dass kaum eine Kommune das drohende Verbot bisher auf dem Plan hatte. Für unsere nächste Printausgabe planen wir einen ausführlichen Beitrag zum Thema und schauen unter anderem, wie bei einem Verbot das Problem aufgefangen werden kann. Denn Ascheplätze - so ergab unsere nicht repräsentative Umfrage schnell - will eigentlich keine Kommune freiwillig zurückhaben. Schon wegen der Unfallgefahr. Unsere neue Printausgabe erscheint Mitte August, HIER geht es zum kostenfreien Probeabo. Wir senden Ihnen auch die Ausgabe dann bereits zu, wenn Sie jetzt schnell Ihr Probeabo (bis zum 30.7.) abschließen. 

 

Gibt es das Mikroplastik wirklich? Eine Studie gibt längst Entwarnung 

Das Deutsche Institut für Normung DIN und die Gütegemeinschaft RAL kommen zu ganz anderen Ergebnissen. Maßgeblicher Auslöser der Diskussion um den Kunstrasenplatz war eine Fraunhofer-Studie. Lange hat das Institut darauf bestanden, dass jährlich ca. 11.000 Tonnen Gummigranulat von Kunstrasenplätzen abgetragen werden und in die Umwelt gelangen. Bereits seit Anfang des Jahres liegen Fraunhofer neue Zahlen vor, wie die Forscher selbst bestätigen. Allerdings ruderten die Forscher erst jetzt zurück und kündigten Änderungen an, nachdem das Thema auf EU-Ebene bereits sehr weit gediehen ist. 

Die Berechnungen von DIN und RAL kommen zu dem Schluss, dass der Austrag nur etwa 10 Prozent der Werte, die das Fraunhofer Institut in die Welt gesetzt hatte, beträgt. Daher tritt nun auch das Institut selbst den Rückzug an. Man sei von einem Worst-Case-Szenario ausgegangen und man habe für das Thema sensibilisieren wollen. Bis Ende August will das Institut neue Zahlen vorlegen. "Das Ziel sei aber, wegzukommen von Worst-Case-Szenarien hin zu realen Szenarien. 

Die Polytan GmbH schreibt dazu übrigens wörtlich: "Das ausgetragene Granulat gelangt zudem nur zu einem sehr kleinen Teil in die Umwelt. Meistens bleibt es auf dem Platzgelände, wird aufgefegt und entsorgt oder wiederverwendet. Moderne Rückhaltesysteme wie spezielle Rinnen oder bodennahe Banden können es sogar fast vollständig einfangen und filtern."

Auch das mit Vorsicht zu genießen, wie gesagt, hier handelt es sich um ein Unternehmen, das in diesem Bereich sein Geld verdient. Dennoch gelten die unabhängigen Studien von DIN und RAL als seriös. Und die Reaktion des Fraunhofer-Instituts spricht ebenfalls für sich. 

 

Das sind die genauen Pläne der EU zum Thema Sportplatz

Allen Studien zum Trotz: Die EU verhandelt mit den Mitgliedsstaaten über mögliche Übergangsfristen. Bisher heißt es von Beobachtern in Brüssel, das Verbot scheine wohl für das Jahr 2022 gesetzt zu sein. Innenminister Seehofer - zuständig auch für das Thema Sport -  sieht nun den Breitensport ebenfalls in Gefahr und fordert eine Übergangsfrist von sechs Jahren. Er muss sich aber mit der Umweltministerin Schulze abstimmen - hier ist bisher keine offizielle Reaktion gekommen. 

Immerhin ruderte das Innenministerium nach Berichten am Montag etwas zurück und erklärte, das geplante Gesetz der EU-Kommission sei noch nicht final gesetzt. Und am Dienstag Abend meldete dann auch die EU-Kommission in einem Newsletter, es sei gar kein Verbot von Kunstrasenplätzen geplant. Verklausuliert heißt es jetzt nur noch wörtlich: "Die Kommission prüft im Rahmen ihrer Kunststoffstrategie, wie die Menge an umweltschädlichem Mikroplastik in unserer Umwelt verringert werden kann."

Sportplätze mit Kunstrasen sind nicht gerade günstig - je nach Größe und eingesetzter Variante rechnen Kommunen mit Kosten zwischen 200.000 und 500.000 Euro. Mal 5000 Kunstrasenplätze wäre das ein gesamtvolkswirtschaftlicher Schaden von mehreren Milliarden Euro. Der Städte- und Gemeindebund fordert daher bereits Hilfen von Bund und Ländern. 

 

Mehr zum Thema

Weitere Artikel von Christian Erhardt

Neuester Inhalt

Immer informiert bleiben!

Jetzt für KOMMUNE.HEUTE anmelden und die Neuigkeiten der kommunalen Welt kommen direkt in Ihr Postfach.
 Ja, ich habe die Datenschutzerklärung verstanden und akzeptiere sie.*

Ja, ich möchte im Newsletter persönlich angesprochen werden! (optional)