Blackout - Stromausfall ist eine der größten Gefahren in Kommunen
Blackout - Stromausfall ist eine der größten Gefahren in Kommunen

Blackout: Wenn ein Stromausfall eine ganze Stadt lahmlegt

Mi, 20.02.2019

Es ist die Horrorvision einer jeden Kommune: Mitten in der Nacht brechen in der Region alle Stromnetze zusammen. Der totale Blackout. Was tun? Ein Forschungsprojekt der Universität Paderborn gibt Kommunen nun erstmals Konzepte für Pandemien an die Hand.

Es ist die Horrorvision einer jeden Kommune: Mitten in der Nacht brechen in der Region alle Stromnetze zusammen. Der totale Blackout. Was tun? Was in Köpenick am Dienstagnachmittag passiert ist, sollte in ganz Deutschland Kommunen aufschrecken lassen. War es hier "nur" ein Kabelschaden, der innerhalb von gut einem Tag behoben werden kann, ist es kaum auszudenken was passiert, wenn es wirklich flächendeckend zu Pandemien kommt. Ein Forschungsprojekt der Universität Paderborn gibt Kommunen nun erstmals Konzepte für solche Fälle an die Hand. 

Text: Annette Lübbers

Ein erschreckendes Szenario: Terroristen hacken sich in das europäische Stromnetz. Von einer Sekunde zur anderen sind Privathaushalte, Behörden und Unternehmen ohne Strom. Trinkwasser, Lebensmittel und Benzin werden knapp, Sicherheitseinrichtungen versagen, der Verkehr kommt zum Erliegen, die Kommunikationswege brechen zusammen. Die Folgen:  Plünderungen, Massenunruhen, Hamsterkäufe. Wie sehr unser Leben vom Strom abhängt und welch katastrophalen Folgen ein Angriff auf das europäische Stromnetz haben könnte, beschreibt der 2012 erschienene Roman „Blackout“ des österreichischen Schriftstellers Marc Elsberg in dramatischen Szenen.

Szenarien wie dieses bilden den Hintergrund für das Projekt „Interkommunale Konzepte zur Stärkung der Resilienz von Ballungsgebieten (INTERKOM), finanziert vom Bundesforschungsministerium. Von 2014 bis 2017 untersuchte die Universität Paderborn in Zusammenarbeit mit dem Innen- und Gesundheitsministerium NRW, dem Robert-Koch-Institut, weiterenuniversitären Partnern wie Kommunen sich am besten für den Ernstfall rüsten können. Dabei ging es vorrangig um das Handling eines flächendeckenden Stromausfalls, aber auch um den Ausbruch von Pandemien oder einen Angriff mit Biowaffen. Für das Projekt rief die Uni deutsche Städte zur Unterstützung auf. An INTERKOM beteiligten sich unter anderem Dortmund, Gelsenkirchen, Bochum, Essen, Büdingen, Solingen und der Landkreis Osnabrück.

Armand Schulz, bis zum Abschluss des Projektes Projektleiter an der Uni Paderborn: „Unsere Kommunen fangen – bis auf wenige Ausnahmen – erst jetzt an, sich mit solchen, durchaus realistischen, Szenarien auseinanderzusetzen. Einige wenige – etwa Dortmund – haben immerhin bereits Planungen für den Pandemiefall. In Hannover gibt es bereits sehr gute Notfallpläne für einen flächendeckenden Stromausfall. Ausgangspunkt unserer Überlegungen war folglich, dass alle deutschen Städte entsprechende Notfallpläne entwickeln sollten. Und dafür haben wir an der Uni Paderborn Grundlagen erarbeitet.“ Im Projektverbund haben die Experten unterschiedliche Teilaspekte eines Katastrophenfalls betrachtet: 

 

Stromausfall - wie arbeiten Kommunen, Feuerwehr und Polizei dann sinnvoll zusammen 

 

Ein Team der Universität Paderborn forschte an Lösungen bezüglich Vorbereitung und Bewältigung von Großschadensereignissen oder Krisensituationen. Dazu gehören etwa die Entfluchtung von U-Bahnen oder ein standardisierter Austausch von Lageinformationen – etwa zwischen Feuerwehr und Polizei. Armand Schulz hat sich besonders mit Prozessmanagement in Krisensituationen sowie mit Kommunikationsprozessen und einer bestmöglichen Zusammenarbeit im Krisenmanagement beschäftigt: „Grundsätzlich gilt: Kommunen müssen vor Eintritt des Ernstfalls Aufgaben priorisiert und Zuständigkeiten festgelegt haben. Ganz oben auf der Liste: Die Versorgung der Bevölkerung mit allem Lebensnotwendigem und das Funktionieren des Rettungsdienstes. Abläufe sollten bestmöglich koordiniert werden und ein Krisenstab gut etabliert sein. Und ganz wichtig: Sicherstellen, das unter erschwerten Bedingungen Kommunikationswege offen gehalten werden“, erklärt der Projektleiter. „Anhand dieser Kriterien haben wir in den teilnehmenden Städten in mehr als 100 Workshops die IST-Situation studiert und Lösungselemente für Notfallkonzepte herausgefiltert.“ Ganz oben auf der Liste kommunaler Maßnahmen steht für Armand Schulz in jedem Fachbereich die Kernaufgaben in einer Krisensituation zu identifizieren, Maßnahmen zu deren Aufrechterhaltung zu entwickeln und das Handling einer Krisensituation im kommunalen Krisenstab zu üben. „Erfahrungen aus anderen Projekten haben uns gezeigt, dass in einem ungeübten Team die Beteiligten schon nach kurzer Zeit Stresssymptome zeigen, die dann die notwendige, schnelle und zieloriente Handlungsfähigkeit stark einschränken können.“ Keine guten Voraussetzungen, wenn man als kommunaler Mitarbeiter gerade helfen muss, eine Stadt im Ausnahmezustand zu managen und Sicherheit und Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen.    

 

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Die sozialen Medien spielen bei Stromausfällen eine extrem wichtige Rolle 

 

Gleichzeitig haben die Projektteilnehmer ein Konzept entwickelt, wie im Ernstfall die sozialen Medien genutzt werden können, um den Gefahren von Fehlinformationen vorzubeugen und die Entwicklung von Panik und Kurzschlussreaktionen besser einschätzen zu können.“ 

Ein weiteres Teilprojekt verantwortete das Robert Koch Institut. In Berlin haben Fachleute ein fiktives Szenario ausgearbeitet: Die Freisetzung eines Pestvirus in einem Fußballstadium. Dabei wurden Maßnahmen erarbeitet, wie im Falle einer solchen Gefahrenlage Infizierte ermittelt werden, wie Quarantänemaßnahmen und wirkungsvollsten umgesetzt werden können und wie der nichtinfizierte Teil der  Bevölkerung am besten vor Ansteckung geschützt werden kann. Armand Schulz erklärt: „Dabei lag ein besonderer Schwerpunkt auf der Frage, wie eine möglichst hohe Akzeptanz der notwendigen Maßnahmen durch die Bevölkerung erreicht werden kann. Die Wirksamkeit solcher Maßnahmen hängen nämlich zu einem nicht unerheblichen Teil davon ab, ob Kommune und Bürger im Fall eine Stromausfalls oder einer Pandemie an einem Strang ziehen.“  

 

Nutzen Sie als Kommune Notfallpläne und Datenbanken für den Pandemie-Fall

 

Aktuell im Aufbau befinden sich Notfallpläne, Prozessdatenbänke und Maßnahmenkataloge, die für alle deutschen Kommunen nutzbar gemacht werden sollen. Eins zu eins auf jede Kommune übertragen lassen sich die die Ergebnisse der Forschungsgruppen des Projektes INTERKOM allerdings nicht: Armand Schulz: „Jede Stadt hat ihre eigenen Besonderheiten und Strukturen, die  beachtet werden müssen. Beispielsweise kann es in einer Kommune wichtig sein, das Methadon-Programm für Suchtkranke im Katastrophenfall aufrechtzuerhalten, während dies in einer anderen Kommune kaum relevant ist. „Ehemalige Bergbauregionen wie das Ruhrgebiet wären im Fall eines Stromausfalls besonders gefährdet. Denn was sich in diesem Ausmaß wahrscheinlich kaum jemand vorstellen kann: Wenn in einer Stadt wie Gelsenkirchen die Grundwasserpumpen nicht mehr arbeiten, dann wird Gelsenkirchen ganz schnell zu einer Seenplatte.“ 

Die Informations- und Datenbasis des INTERKOM-Projektes gibt Städten gutes Grundlagenmaterial, anhand derer Kommunen ihre zu prioriesierenden Aufgaben erkennen und gut strukturieren können. Ausfallszenarien und ihre Folgen werden beschrieben und mögliche Alternativmaßnahmen benannt. Für Armand Schulz ist das Projekt offiziell abgeschlossen. Jetzt will er als Freiberufler deutsche Kommunen beraten, die sich bestmöglich auf „Blackout-Szenarien“ vorbereiten wollen. „Mein Spezialgebiet ist die Priorisierung kommunaler Aufgaben – ein ganz wichtiger Baustein kommunalen Krisenmanagements“, erklärt der Maschinenbauingenieur mit Schwerpunkt Organisation und Prozessmanagement.  

 

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