Gruppe Teilnehmer Summer of Pioneers in Altena
Kreative treffen sich beim Summer of Pioneers in Altena.
© Privat

Städter auf dem Land

Summer of Pioneers: Neue Ideen für alte Stadt

Sie verstehen sich als Kreativzelle für Wirtschaft und Gesellschaft: Die Macher des Ko-Dorf-Projekts. Das kleine sauerländische Altena will sich auf diese Weise selbst neu erfinden - mit Hilfe von kreativen Menschen, die derzeit Bewohner auf Zeit sind. Und Langzeitbewohner werden könnten.

Sie sind gekommen, um für die Stadt und ihre Bewohner Bleibendes zu schaffen oder vielleicht sogar selbst zu bleiben: die 15 Projektteilnehmer, die derzeit die Projektgruppe des „Summer of Pioneers“ im sauerländischen Altena bilden. Eine bunt gemischte Truppe, zwischen Ende 20 und Ende 50, Singles, Paare und Familien, ist angetreten, um gemeinsam neue Ideen in der Kleinstadt am Fuß der im 12. Jahrhundert begründeten Burg Altena zu entwickeln und umzusetzen: Lehrer, eine Ingenieurin, ein Digitalberater, Angestellte größerer Unternehmen und der Inhaber einer Designagentur. Sie kommen aus dem nahen Ruhrgebiet, aber auch aus Metropolen wie Hamburg, Berlin und Köln. „Gemeinsam mit der Stadtverwaltung Altena hoffen wir, dass aus diesem Mix unterschiedlicher Lebensumstände, Biografien und beruflicher Qualifikationen im Projektzeitraum vom 01. Juni bis zum 30. November viele neue, kreative Ideen für die Stadt entstehen“, erklärt die Projektkoordinatorin Christina Quast.

Summer of Pioneers: Bewohner auf Zeit

Die Bewohner auf Zeit haben von der Altenaer Baugesellschaft möblierte Wohnung auf den Hügeln über der Altstadt vermittelt bekommen – für gerade einmal 150 Euro im Monat. Das gemeinschaftliche Leben wird überwiegend in einem Coworking Space stattfinden, das sich dieses Mal auf mehrere Ladengeschäfte in der Altenaer Einkaufsstraße, der “Lennestraße”, verteilt. Ein Vorteil in einer Zeit, in der die Corona-Pandemie viele Unwägbarkeiten in der Zusammenarbeit mit sich bringt. Architekten und heimische Unternehmen haben die Räumlichkeiten zu günstigen Konditionen gesponsert und die Historische Bibliothek stellt ein Kaminzimmer für die Pioniere zur Verfügung, die gerne abseits des Trubels arbeiten. Christina Quast hält Altena mit seinen fast 17.000 Einwohnern für einen Standort, der für den „Summer of Pioneers“ wie prädestiniert erscheint. „Der Ort ist mit dem öffentlichen Nahverkehr zu erreichbar und wir haben schon in der Vorbereitungsphase festgestellt, dass die überdurchschnittlich ehrenamtlich engagierte Bevölkerung und die dem führenden Projekt sehr aufgeschlossen gegenüber stehende Stadtverwaltung einen guten Rahmen bilden, um neue Ideen zu generieren und umzusetzen.“

Altena kämpft gegen Abwanderung

Tatsächlich ist Altena ein gutes Beispiel für eine Kleinstadt, die sich ganz neu erfinden muss. Im 19. Jahrhundert war Altena eine Stadt, in der die Verhüttung von Metall bereits eine lange Tradition hatte. Als diese Geschichte zu Ende ging, erlebte der Schwarzenstein in Altena eine Rennaisance als wichtiger Standort  für die Herstellung von MünzRohlingen. 1980 war auch damit Schluss. 30 Jahre später erwarb die Stadt Altena die Brache Schwarzenstein für einen Euro, um aus der ehemaligen Industrieanlage mit ihrem 34.000 Quadratmetern Grundfläche einen „Ort der Zukunft“ zu machen. Sara Schmidt, zuständig für den Bereich Wirtschaftsförderung in Altena, empfindet Altena als ein Städtchen mit einer sehr hohen Lebensqualität und einer wunderschönen Natur. Leider habe Altena aber auch einen Ruf als sterbende Stadt – wie viele Kleinstädte auf dem Land. Zusätzlich leide der Ort an einem enormen Bevölkerungsschwund: In den vergangenen 50 Jahren hat Altena fast die Hälfte seiner Bevölkerung verloren.

„Wir hoffen sehr, dass die Pioniere uns dabei helfen, neue Entwicklungsmöglichkeiten aufzuzeigen und das Image der Stadt aufzupolieren. Jedenfalls freuen sich unsere Mitarbeiter im Stadtmarketing auf neue Impulse für die Marke Stadt Altena. Ganz besonders gilt das für die derzeit noch als düster und unwirtlich wahrgenommene Industriebrache Schwarzenstein.“

Stadt aufgeschlossen für Ideen der Pioniere

Eng gefasste Erwartungen will die Wirtschaftsförderin der Stadt aber dennoch nicht formulieren. „Sowohl wir als Stadtverwaltung als auch unsere Bürger wollen neugierig und offen mit dem umgehen, was uns die Pioniere mit ihrem so unterschiedlichen Know-how an Möglichkeiten eröffnen können. Dabei ist uns allen sehr bewusst, dass die Pioniere die Arbeit nicht alleine stemmen können. Als Stadt bauen wir auf unsere Bürger, die dazu eingeladen sind, sich einzubringen, den Kontakt zu den Pionieren zu suchen und in einen lebendigen Austausch einzutreten.“ Ein bestimmtes Maß an Offenheit für neue Ideen darf man in dem ehemaligen Industriestädtchen voraussetzen.

Birnchen

Mit großer Unterstützung der Einheimischen machte Altena während der Flüchtlingskrise 2015 Schlagzeilen, als der damalige Bürgermeister Andreas Hollstein verkündete, freiwillig 100 Flüchtinge mehr aufnehmen zu wollen, als dem kleinen Städtchen zugewiesen wurden. Um den „Summer of Pioneers“ in Altena zu ermöglichen, hat die Stadt einen großen personellen und zeitlichen Aufwand betrieben. Finanziell waren die Verantwortlichen auf die Mitarbeit der regionalen Unternehmen angewiesen. „Altena hat derzeit wie so viele andere Kommunen einen NotHaushalt. Aber einige unserer lokalen und regional ansässigen Firmen haben großartig mitgezogen: Die Wohnungseinrichtungen und die Arbeitsstationen im Coworking-Bereich – all das wurde finanziell unterstützt.“ 

Christina Quast zeigt sich zu Beginn des Projektes auf jeden Fall sehr angetan von dem, was Stadt und Wirtschaft auf die Beine gestellt haben, um den Zugezogenen den Einstieg in das Projekt so einfach wie möglich zu machen. „Wir sind gerade dabei, uns einzuleben, zu schauen, was vielleicht noch fehlt und eigene Routinen zu entwickeln. In den kommenden Wochen wird es dann erst einmal darum gehen, Ortsbesichtigungen vorzunehmen und zu schauen, welche Potentiale wir – etwa für die Industriebrache Schwarzenstein – erkennen können. Meinen Erfahrungen nach wird sich dann so etwas wie eine Eigendynamik entwickeln, die uns hoffentlich ganz neue Zugänge zu den Problembereichen ermöglicht.“Darauf vertraut auch Sara Schmidt, bei der Stadt zuständig für Wirschaftsförderung.

Sarah Schmidt

„Neue Blickwinkel und die Überwindung einer gewissen Betriebsblindheit – beides erhoffen wir uns von den neuen Bewohnern auf Zeit.“

Sarah Schmidt, zuständig für Wirtschaftsförderung

„Summer of Pioneers“ in Altena ist das dritte Projekt der Ko-Dorf-Gemeinschaft für Menschen, die gemeinsam eine solidarische, progressive und nachhaltige Zukunft auf dem Land gestalten wollen. Die ersten beiden „Summer of Pioneers“ fanden 2019 und 2020 im brandenburgischen Wittenberge statt. Und das so erfolgreich, dass einige der Teilnehmer sich entschlossen, ihren Lebensmittelpunkt ganz nach Wittenberge zu verlegen. Sie setzen das Projekt nun als „Elblandwerker“ fort. Zeitgleich mit Altena haben sich Kreativlinge auch ins hessischen Homberg (Efze) und nach Tengen im baden-württembergischen Landkreis Konstanz begeben, um auch hier kleine Kreativzellen für Wirtschaft und Gesellschaft von morgen zu etablieren! Einen ähnlich nachhaltigen Prozess wie in Wittenberge erhoffen sich die Mitwirkenden in der Stadtverwaltung auch für ihren Ort. Sara Schmidt sagt: „Wenn einige der Pioniere bei uns heimisch werden wollen – herzlich willkommen."

Altena wurde am 14. Juli massiv vom Starkregen und Hochwasser getroffen. Die Pioneers werben um Spenden, um die Menschen in den betroffenen Regionen zu unterstützen.