Stadtentwicklung: Die Innenstadt durch Wasser beleben

Die Innenstadt beleben

Mo, 17.12.2018

Die Menschen flanieren auf der Uferpromenade oder machen es sich in einem der Cafés bequem, ein Vater spielt mit seinem Sohn im Wasser. Noch gibt es diese Idylle im schleswig-holsteinischen Itzehoe nicht. Doch geht es nach Plänen des Vereins „Störauf“, könnte sie schon in einigen Jahren Wirklichkeit werden. Um die Innenstadt zu beleben, will der Zusammenschluss engagierter Bürger einen in den 70er-Jahren zugeschütteten Fluss, die Stör, wieder ins Stadtzentrum holen. Kommune und örtliche Wirtschaft setzen große Hoffnungen auf das Millionenvorhaben.

 

Die innenstadt beleben mit Wasser
Autor Michael Althaus berichtet über die Potentiale von Wasser in einer Stadt

Text: Michael Althaus 

Die 30.000-Einwohner-Kommune Itzehoe kämpft derzeit mit denselben Problemen wie viele andere Mittelstädte in Deutschland auch: Zahlreiche Läden in der knapp einen Kilometer langen Einkaufsstraße stehen leer, im Jahr 2014 schloss eine Druckerei, die mit rund 1.000 Beschäftigten einer der größten Arbeitgeber der Stadt war, ihre Tore, und immer mehr Einwohner pendeln zum Arbeiten in das gut 60 Kilometer entfernte Hamburg.  

 

Was wohl helfen könnte, um die Innenstadt wiederzubeleben?

 

„Viele Unternehmen haben Probleme, Fachkräfte hierherzubekommen, erklärt der Vorsitzende des Vereins „Störauf“, Michael Ruff. Der Verein, benannt nach dem Gewässer, dass jahrhundertelang in einer Schleife um das Zentrum der Stadt floss, macht sich federführend für eine Stärkung der Innenstadt stark. Wasser ist dabei in seinen Augen ein wichtiges Element: „Wo geht man hin, wenn man in eine fremde Stadt kommt? – Häufig als erstes zum See oder zum Fluss“, sagt Ruff. „Das Wasser macht die Menschen neugierig und lockt Touristen, Neubürger und Geschäfte an.“ In Ufernähe könnten Cafés und ein Tretbootverleih sowie neue Stadtvillen und Bürogebäude entstehen, so seine Vision. Bis in die 70er-Jahre war Wasser fester Bestandteil der Itzehoer Innenstadt. Mit Entfernung einer Schleuse im 19. Jahrhundert versandete der tote Arm immer mehr und entwickelte sich zu einem nahezu stehenden, faulig riechenden Gewässer. Im Zuge einer Stadtsanierung wurde die Störschleife daher 1974 mit rund 110.000 Kubikmeter Sand zugeschüttet. Viele Menschen waren nach der Zuschüttung froh, dass das „Drecksloch“ weg war. Allerdings gab es immer wieder auch Rufe nach einer erneuten Öffnung des Grabens. Aus diesen Rufen entwickelte sich ein Verein, der heute 230 Mitglieder hat, darunter zahlreiche lokale Unternehmen.  

Mit einer von einem Ingenieurbüro durchgeführten Machbarkeitsstudie versuchten die Mitglieder, ihre Idee auf den Boden der Tatsachen zu stellen. Ernüchterndes Fazit: Eine originalgetreue Rekonstruktion der alten Störschleife mit Verbindung zum bestehenden Fluss wäre nicht sinnvoll. Sie würde die Itzehoer Innenstadt erneut der Gefahr von Sturmfluten aussetzen und wäre abgesehen davon viel zu kostspielig. Machbar wäre laut den Planern dagegen eine Nachbildung der Schleife, die nicht an den Fluss angeschlossen wird und ein geschlossenes System bildet. Die Kosten für eine Teillösung, die die Planer zunächst ins Auge gefasst haben, beziffern sie auf rund 16 Millionen Euro. Eine wirtschaftliches Gutachten ergab zudem, dass durch die Wiederbelebung des Flusses langfristig die Steuereinnahmen durch Ansiedlung neuer Geschäfte um bis zu 15 Millionen Euro steigen könnten. 

 

Scheitern? Das kam nicht in Frage

 

So starteten die Initiatoren eine repräsentative Meinungsumfrage unter den Itzehoern. Knapp 70 Prozent sprachen sich darin für die Pläne von „Störauf“ aus. Daraufhin beschloss das Stadtparlament wenig später die Nachbildung der Störschleife in ein Konzept zur Innenstadtsanierung aufzunehmen. Von negativen Signalen aus Kiel ließen sich die Stadtvertreter nicht abschrecken: Das dortige Innenministerium versagte die erhofften Mittel aus der Städtebauförderung. Doch die Ratsversammlung entschied, die Umsetzung notfalls auch aus Eigenmitteln zu finanzieren. 

 

Die Innenstadt durch Wasser beleben: Die Idee ist nicht ganz neu...

 

„Wir werden aber nicht lockerlassen und uns weiterhin um Fördermittel bemühen“, sagt Bürgermeister Andreas Koeppen. Von dem Projekt erhofft er sich „eine Wiederbelebung unserer Innenstadt, die ein bisschen kränkelt“, so der Verwaltungschef, der selbst Gründungsmitglied von „Störauf“ ist.  „Wir setzen darauf, dass sich am Wasser viele Betriebe ansiedeln und sind dazu bereits mit vielen investitionswilligen Menschen im Gespräch.“ 

Die Innenstadt beleben
Die Erwartungen an das Projekt sind groß...

Andernorts gibt es bereits erfolgreiche Beispiele für die Rückkehr von Flüssen ins Stadtzentrum. Die Freilegung eines zubetonierten Flusses im dänischen Aarhus vor 20 Jahren führte zu einer Wiederbelebung der Innenstadt. In Siegen entstand ein attraktiver Uferbereich mit Sitzstufen, nachdem die Stadt 2012 eine Betonplatte abriss, die über der Sieg lag und Parkraum schaffen sollte. 

Ab wann es sich die Itzehoer im Liegestuhl am Ufer der neuen Störschleife gemütlich machen können, will Koeppen im Moment noch nicht vorhersagen. Und auch Michael Ruff wagt noch keine Prognose. Er ist ein kleines bisschen stolz darauf, dass es eine Idee aus der Bürgerschaft soweit gebracht hat. „Das ist schon ziemlich einmalig.“ Auch wenn bis zur Umsetzung sicher noch einige Jahre vergehen werden, erkennt er bereits erste positive Folgen der Arbeit seines Vereins: „Wir haben einen großen Beitrag dazu geleistet, dass die Stimmung in der Stadt optimistischer geworden ist. Alleine das macht das Hiersein attraktiver.“

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