Flüchtlingspolitik "Wir schaffen das"
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Flüchtlingspolitik: 4 Jahre nach „Wir schaffen das“

Im Dezember 2015 erklärte Angela Merkel mit Blick auf die Flüchtlingswelle: „Wir schaffen das“ – das WIR, damit waren vor allem die Kommunen gemeint. Wie eine Integrationsbeauftragte die Situation heute bewertet, welche Rolle das Ehrenamt spielt, zeigt unsere Reportage am Beispiel Passau.

Als im Jahr 2015 die Flüchtlingswelle über Passau hereinschwappte, sorgte die Lage in der bayerischen Grenzstadt bundesweit für Schlagzeilen. Binnen weniger Wochen mussten hier zigtausende Flüchtlinge betreut und untergebracht werden, am Bahnhof der kleinen Stadt hielten Bewohner „Willkommen“-Schilder in die Luft und versorgten die Ankommenden, bald platzten die Notunterkünfte aus allen Nähten. Eine Ausnahmesituation.  

 

Flüchtlingspolitik: Vier Jahre nach "Wir schaffen das"

 

Vier Jahre später ist die Integrationsarbeit längst in den kommunalen Strukturen vor Ort verankert und Passau steht vor ähnlichen Herausforderungen wie vergleichbare Kleinstädte im ländlichen Raum. Bei Sandra Wagner-Putz kommt die Integration tagtäglich aufs Neue auf den Tisch – im wahrsten Sinne des Wortes. Etliche dicke Ordner stapeln sich dort, verschiedenste Fälle, die die Mitarbeiterin der Integrationsstelle seit Jahren begleitet. Einer davon ist Dilawar Khan, ein 28 jähriger Mann aus Afghanistan, der bereits 2012 nach Deutschland kam. Aufgegriffen an der Passauer Grenze, wurde Khan schließlich in der Gemeinschaftsunterkunft Grubweg bei Passau untergebracht. Insgesamt fünf Jahre sollte er dort verbringen, dank Beschäftigungserlaubnis konnte er bald schon als Küchenhilfe in einem Gasthaus arbeiten. Nachdem sein Asylantrag abgelehnt worden war, galt Khan nach einem weiteren Gerichtsverfahren als geduldet bis zur Ausreise in sein Heimatland, die durch das Fehlen von Ausweispapieren aber nicht möglich war. In dieser Zeit lernte Khan auch seine heutige Frau Zarah kennen, die schließlich schwanger wurde.

 

Flüchtlingspolitik: Asylbewerber woher kommen sie

 

Da die Mutter zum Zeitpunkt der Geburt des Sohnes im Sommer 2017 noch minderjährig war, waren zahlreiche formale Hürden zu nehmen: Die Vaterschaftsanerkennung, das Sorgerecht, durch eine zwischenzeitliche Trennung des Paares schließlich auch eine Unterhaltszahlung. Unzählige Male schon hat Khan in den vergangenen Jahren bei Sandra Wagner-Putz im Büro gesessen, um einen weiteren Antrag zu stellen und das nächste Hindernis zu überwinden. Mit Erfolg. Eine eigene Wohnung wurde gefunden und Khan hat eine Aufenthaltserlaubnis wegen seines Jobs und der Betreuung des minderjährigen Kindes erhalten. „Immer, wenn ich einen Brief bekomme, schicke ich sofort ein Bild an Frau Wagner-Putz“, sagt Khan und lacht. Jeden Tag bekommt die Mitarbeiterin von ihren Klienten Nachrichten auf ihr Diensthandy, Fotos von Behördenschreiben, Elternbriefen, Stromkostenabrechnungen. Der Dschungel der Bürokratie ist schwer zu durchschauen und bietet zahlreiche Fallstricke. Eines der häufigsten Probleme seien dabei Rückzahlungen, die zu leisten seien, weil es Überschneidungen von Sozialzahlungen gegeben habe.  

 

Hilfe bei der Integration von Flüchtlingen

 

In den Hochzeiten 2015 gab es zur Bewältigung der neuen Aufgaben 20 Mitarbeiter – heute besteht das städtische Integrationsteam in Passau aus drei Leuten, einem Integrationslotsen und zwei Sozialpädagoginnen, angesiedelt am Amt für Kinder, Jugend und Familie. Neben der kommunalen Stelle nimmt die CARITAS in Passau eine federführende Rolle ein und betreut die Geflüchteten während der laufenden Verfahren. „Unsere Aufgabe ist es, die Leute in der Gesellschaft ankommen zu lassen, sobald sie irgendein Bleiberecht haben und davon auszugehen ist, dass sie längerfristig hier bleiben“, sagt Wagner-Putz. Ihre Hauptarbeit liegt dann in der Koordination der verschiedenen Belange und der Vermittlung an die Spezialstellen, etwa die Ausländerbehörde, die Kranken- oder Familienkasse, den Jobcenter oder das Jugendamt. Die Pflege des Netzwerks zwischen den verschiedenen Stellen sei das A und O, wie Alois Kriegl, der Leiter des Amts für Kinder, Jugend und Familie, sagt. „Jeder weiß, wer was macht“ und der sogenannte kurze Draht funktioniere sehr gut. 

 

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Alois Kriegl, Leiter des Amts für Kinder, Jugend und Familie

 

„Wir müssen die Leute an die Hand nehmen und ihnen mögliche Ansprechpartner vermitteln, je nachdem, was gerade ansteht in ihrem Leben“, so Wagner Putz, wobei das städtische Angebot grundsätzlich auf rein freiwilliger Basis erfolgt. Sobald ein Bleiberecht besteht, fallen für die Klienten die Asylbewerberleistungen weg. Deshalb stehe an erster Stelle zumeist die Unterhaltssicherung, konkret ein Antrag auf Leistungen nach SGBII. Meist folge dann die oft mühsame Suche nach einer bezahlbaren Wohnung. Ist diese gefunden, gilt es, den Umzug zu organisieren und die Mietbedingungen zu klären. „Viele Klienten haben mit Wohnraum keine Erfahrung. Heizung, Mülltrennung, Stromabrechnung, Lüftung…. Oft muss das alles erst erlernt werden“, so Wagner-Putz. In Zusammenarbeit mit dem Jobcenter läuft parallel die Jobsuche an; leben Kinder in der Familie, gilt es, diese im Kindergarten oder in der Schule anzumelden und bei der Eingliederung zu begleiten.  

 

Gemeinschaftsunterkünfte zehren an den Kräften der Flüchtlinge

 

Als Oberzentrum und Universitätsstadt mit umfassender Infrastruktur hat Passau eine große Anziehungskraft. „Städte haben eine Sogwirkung“, sagt Kriegl, und Frau Wager-Putz weiß aus Erfahrung mit ihren Klienten: „Fast alle wollen in die Stadt. Passau ist sehr attraktiv aufgrund der Infrastruktur, des öffentlichen Nahverkehrs und der Sprachschulen“. Ihre Klienten decken die ganze Bandbreite ab vom Analphabeten bis zum Akademiker, vom Alleinstehenden über Alleinerziehende bis hin zur Großfamilie. Durch die Betreuung über einen langen Zeitraum gewinnt die Sozialpädagogin intensiv Einblick in die jeweiligen Lebenssituationen und trifft dabei immer wieder auch auf psychisch schwer gezeichnete Menschen. Die Kriegserlebnisse, die Erfahrungen auf der Flucht, aber auch die lange Zeit in den Gemeinschaftsunterkünften zehren an den Kräften und wirken nach. „Depression und Resignation sind oft ein Thema“, sagt Wagner-Putz, und gerade die alleinerziehenden Mütter hätten es oft sehr schwer.  

 

Flüchtlingspolitik in Deutschland

Flüchtlingspolitik: Ohne das Ehrenamt wäre die Integration nicht leistbar!

 

Es ist ein komplexes Feld, das von den kommunalen Integrationsstellen bearbeitet werden muss, und jeder neue Fall und jeder nächste Schritt auf dem langen Weg hin zum eigenständigen Leben in Deutschland fordert eine individuelle Begleitung. Vor diesem Hintergrund ist die Begrenzung der Förderungen auf immer nur ein Jahr in der konkreten Praxis sehr schwierig, wie Wagner-Putz und Kriegl sagen. Dilawar Khan ist nur einer von insgesamt 568, die von der städtischen Integrationsstelle betreut werden – eine beachtliche Zahl angesichts der kleinen Teams. Ist das zu schaffen? „Es ist herausfordernd“, sagt Wagner-Putz, und Kriegl fügt an: „Ohne das Ehrenamt wäre es nicht leistbar.“ Bis heute spielen die Ehrenamtlichen in Passau eine entscheidende Rolle und bilden oft das Zwischenstück zwischen den Klienten und der Stadt, wie Wagner-Putz sagt. In engem Austausch mit dem städtischen Integrationslotsen und Ehrenamtskoordinator kümmern sie sich um die einzelnen Klienten und fangen viele konkrete Fragen bei Alltagsproblemen ab. 

 „Es ist eine absolute Utopie, zu glauben, dass Integration innerhalb ein paar Jahren erledigt sei. Integration wird auf jeden Fall eine mittelfristige Aufgabe bleiben“, ist Alois Kriegl überzeugt. Das Ziel sei dann erreicht, wenn „ein friedliches Miteinander“ herrsche und sich die Neuankömmlinge in der Gesellschaft so zurecht zu finden, wie ein Bürger, der hier aufgewachsen ist. Daliwar Khan und seine Familie sind auf einem guten Weg dorthin. Wie lange sie bleiben dürfen, ist aber weiter unklar.  

 

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