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Die Smartphone-Gesellschaft

Politik in der Gemeindevertretung findet bald vielleicht im Netflix-Format statt. Personen werden immer wichtiger, Institutionen werden verblassen, meint Franz-Reinhard Habbel.

Immer häufiger höre ich den Satz „die Menschen lesen nicht mehr“. Sie klicken, wischen, tindern auf ihren Smartphones. Sie sehen Videos, hören Musik und Podcasts. Texte werden zwar wahrgenommen, aber immer weniger gelesen. Sie „springen“ von Nachricht zu Nachricht im Minuten- wenn nicht gar im Sekundentakt. Hinzu kommt, dass es in einer vernetzten Welt keine einfachen Antworten mehr gibt. Alles ist mit allem verbunden. Ständig ist man auf der Suche nach dem Neuen. Je mehr die Dinge transparent werden, desto schwieriger ist die Einordnung. Es gibt keinen Anfang und kein Ende mehr, alles ist dauernd im Fluss. Immer weniger geht es um Informationen, immer mehr geht es um Aufmerksamkeit. Wer setzt sich durch? Welches Argument von wem versendet sich am schnellsten und möglichst viral? Die Aufmerksamkeit ist zum wertvollsten Gut geworden. Das gilt fast ausschließlich für Personen. Anerkennung und Reputation werden immer mehr von der Aufmerksamkeit und damit von Menschen geprägt.  

Aber was bedeutet das für Institutionen, wie zum Beispiel Verwaltungen? Sie geraten, was ihre Wahrnehmung betrifft, ins Schlingern. Hierarchien vermitteln unter anderem Stabilität, aber sie wirken häufig auch unnahbar, verschlossen und wenig durchlässig. Es fehlt an direkter Kommunikation. Da ist wenig Aufmerksamkeit zu erzielen. Wie geht es weiter? Institutionen werden künftig durch die dort arbeitenden Menschen verkörpert. Ihre Glaubwürdigkeit und Authentizität sichern die Repräsentation der Institution. Für die Städte und Gemeinden heißt das, Aufmerksamkeit und Relevanz durch Mitglieder des Gemeinderates, durch den Bürgermeister und die Mitarbeiter der Verwaltung zu generieren.  

Kurzum: Persönlichkeiten bestimmen die Bedeutung und Wahrnehmung von Einrichtungen und Institutionen. Sie stehen künftig im Vordergrund. Sie werden nur erfolgreich sein, wenn sie in der Welt der Bildnachrichten auf offene und interaktive Kommunikationsformate setzen. Vom Text zum Screen, dieser Wandel wird sich weiter beschleunigen. Politik im Netflix-Format, auszuschließen ist das nicht. Der Mobilfunk 5G wird die Nutzung von Bildern in Realtime noch einmal in eine andere Dimension führen. Die Übertragungsraten sind rasant. Texte zu verfassen, dauert dann viel zu lange, in Bild und Ton wird die Wirklichkeit abgebildet. Ort und Zeit definieren den öffentlichen Raum und nicht mehr die physische Entfernung. In Moskau gibt es ein Cafè in dem man nicht für den Kaffee zahlt, sondern für die Zeit, die man dort verbringt. Jeder Tisch hat eine Uhr. Beim Verlassen des Ortes wird abgerechnet. 

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