Der Nachwuchsmangel in Deutschlands Rathäusern wird größer - wir haben Rezepte dagegen!
Der Nachwuchsmangel in Deutschlands Rathäusern wird größer - wir haben Rezepte dagegen!
© Stadt Bonn

Nachwuchsmangel: Geister-Rathaus ohne Mitarbeiter?

11. April 2019
In Deutschlands Rathäusern droht der personelle Ausverkauf. Fast 60 Prozent der Beschäftigten werden in den nächsten Jahren in den Ruhestand gehen, Nachwuchs ist kaum noch zu bekommen. Dabei haben Städte als Arbeitgeber jungen Menschen eigentlich viel zu bieten. Und langsam aber sicher spricht sich das auch wieder herum.

Text: Annette Lübbers, freie Redakteurin für KOMMUNAL

Eigentlich wollte Daniela Steiner Lehrerin werden. Heute arbeitet die 29-Jährige aus München bei der Stadtverwaltung und darf sich – nach einem Dualen BWL-Studium mit Schwerpunkt Public Management – schon Verwaltungsoberinspektorin nennen. Derzeit beschäftigt sie sich mit dem betrieblichen Gesundheitsmanagement und studiert nebenbei noch für ihren Masterabschluss. „Damals, nach dem Abi, habe ich mich skeptisch gefragt, ob ich eine Schülermischung irgendwo zwischen hyperaktiv und phlegmatisch auf Dauer wohl aushalte. Die Antwort lautete: eher nein. Also habe ich mich für ein Duales Studium bei der Stadt entschieden. Hier gibt es für mich erstaunlich vielfältige Einsatzmöglichkeiten und ich muss keinesfalls befürchten, in 20 Jahren immer noch dieselben Dinge zu tun.“

Warum der Nachwuchsmangel so groß ist...

Junge Menschen wie Daniela Steiner haben in den Kommunen derzeit Seltenheitswert. Fast 60 Prozent der Belegschaft sind älter als 45 Jahre. In den nächsten 20 Jahren werden rund 900.000 von ihnen aus dem Berufsleben ausscheiden. Jetzt rächt es sich, dass in den Zeiten klammer Kassen viele Städte Personal einsparen mussten und diesen Ansatz ein paar Jahre zu lange verfolgt haben. Schon jetzt können Stellen nur schwer besetzt werden – mit negativen Folgen für die Leistungsfähigkeit und das fachliche Know-how der Kommunen. Zukünftig könnten nicht nur klassische, verwaltungstechnische Bürgeranliegen länger liegen bleiben. Auch in anderen Bereichen – Forst, Grünflächen, Abwasser, Bauen, Elektrik oder Sozialarbeit – könnte es zunehmend eng werden.

Gute Chancen für den Nachwuchs! Schlechte Chancen für die Kommunen? Vielerorts  müssen sich die Städte als attraktive Alternative zur Wirtschaft erst einmal positionieren. Und das fällt vielen Kommunen nicht leicht, auch weil sie es häufig nicht gelernt haben, die ganze Klaviatur ihrer Vorzüge zu bespielen. Das sieht jedenfalls Andreas Hemsing so. Der 55-Jährige ist Bundesvorsitzender der „komba“, Fachgewerkschaft für Beschäftigte in den Kommunen. Er sieht neben der großen Arbeitsplatzsicherheit viele Vorteile eines städtischen Arbeitsplatzes, mit denen die Kommunen als Arbeitgeber punkten könnten: etwa hohe Arbeitszeitflexibilität, Homeoffice und Lebensphasenmodelle. „In Zeiten, in denen vielen jungen Menschen die sogenannte Work-Life-Balance wichtiger wird, ist Freizeit eine ganz eigene Währung. Denn die Vereinbarkeit von Familie, Pflege und Beruf ist bei der Stadt aufgrund rechtlicher Möglichkeiten prinzipiell gegeben. Und ein weiterer Pluspunkt wird derzeit von den Kommunen kaum aktiv beworben: Die Vorteile einer Betriebsrente, die im Alter schnell mal zwischen 500 und 1000 Euro bringen kann. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass junge Leute die Debatten um Altersarmut und Rentenniveau nicht zur Kenntnis nehmen“, erklärt der Gewerkschafter.

Was sagt der Nachwuchs zum Thema Gehalt? 

Trotzdem: Gehälter bleiben natürlich ein wesentliches Kriterium für die Berufswahl und den Arbeitgeber. Hoch qualifizierte Dienstleistungen wie die von IT-lern, Ärzten oder Ingenieuren können die Städte schon jetzt nur noch als externe Dienstleistung einkaufen.

Alexander Engelhard, zuständig für Ausbildung und Kommunale Fortbildung bei der Stadt Wuppertal, freut sich, dass Lea Dinstühler ein Duales Studium zum „Bachelor of Law“ bei der Stadt gemacht hat – nachdem sich die 27-Jährige zunächst für ein Fulltime-Studium entschieden hatte. „Aber ich habe schnell erkannt, dass es nicht so ganz mein Ding ist, mich ohne feste Strukturen und Rahmenbedingungen zu organisieren. Da kam mir das Duale Studienangebot der Stadt sehr gelegen. Heute arbeite ich im Finanzmanagement der Stadt und habe tatsächlich ein Faible für Zahlen entwickelt. Das hätte ich mir so vorher auch nicht träumen lassen“, sagt die junge Frau lachend. Und Alexander Engelhard ergänzt: „Wir sind froh über jeden jungen Menschen, für den die Stadt eine Option ist. Bei uns haben aber längst nicht nur Abiturienten gute Karrierechancen.“ Zum Glück, denn sonst wäre Fabian Bender nicht bei der Stadt gelandet. Der 21-Jährige hat einen Hauptschulabschluss und liebt praktisches Arbeiten. Und dazu hat er als ausgelernter Straßenwärter nun reichlich Gelegenheit: Der junge Mann pflastert Straßen, erledigt den Grünschnitt, fällt und rettet Bäume, kümmert sich um Straßenschilder und darf mit seinem frisch erworbenen Baumaschinen-Führerschein auch Ungetüme bewegen. „Ich habe schon während eines Schülerpraktikums bei der Stadt gemerkt, dass das Betriebsklima stimmt und mir der Job einen Riesenspaß macht. Tatsächlich habe ich nur vier Bewerbungen geschrieben und dann hatte Wuppertal schon zugesagt.“

Lea Dinstühler hat sich eine Arbeit bei der Stadt auf jeden Fall viel langweiliger und trockener vorgestellt. Ein Vorurteil, das – wie sie selbst sagt – in ihrer Generation weit verbreitet ist. „Beamtenmikado: Wer sich zuerst bewegt, hat verloren“ ist so ein Bild, das selbst in den Köpfen der jungen Generation noch gespeichert ist. Die junge Frau lacht: „Selbst mein Opa – ein gelernter Schreiner – tut sich schwer damit, für meinen Job das Wort Arbeit zu benutzen.“ Alexander Engelhard findet das gar nicht zum Lachen: „In meiner Ausbildungszeit in den 80er Jahren hatten Sprüche wie dieser tatsächlich noch eine gewisse Berechtigung. Seitdem hat sich in den Kommunen viel  verändert, aber die alten Bilder halten sich hartnäckig.“ Um das zementierte kommunale Image eines unbeweglichen Tankers loszuwerden, ist die Stadt Wuppertal neue Wege gegangen. Unter dem Stichwort „WUPPERTALENT“ hat die Stadt junge Auszubildende zusammengetrommelt und sie gebeten, einen Flyer und eine Internetpräsenz für die Personalwerbung zu gestalten. Der Stadt mangelt es dafür sowohl an Fachkompetenz als auch an Personal: „Wir sind nach Bayer der zweigrößte Arbeitgeber der Stadt. Aber wir haben fast keine Werbefachleute mehr im Boot. Wenn wir Leistungen nicht teuer einkaufen wollen, dann müssen unsere jungen Leute ran. Und das haben sie auch mit großer Begeisterung gemacht“, erklärt der Personaler.

Mit einer Werbekampagne gegen Nachwuchsmangel 

In der Stadt Bonn zieren junge, frische Gesichter aus den eigenen Reihen gar eine Internetpräsenz der Kommune. Die ehemalige Bundeshauptstadt hat extra 200.000 Euro in die Hand genommen, um von einer externen Agentur eine Werbekampagne komponieren zu lassen: Web-Auftritt, Messestand, Social-Media-Präsenz, Suchmaschinenoptimierung, Fotoshootings und Druck-

erzeugnisse – alles aus einem Guss.  Andreas Leinhaas, Amtsleiter des Personal- und Organisationsamtes und Verantwortlicher der Kampagne, erklärt: „Natürlich haben wir auch schon früher versucht, deutlich zu machen: Hier bei der Stadt arbeiten nicht nur Menschen mit Ärmelschonern und Hosenträgern. Fakt aber ist, dass Sie mit einer schwarz-weißen Anzeige in den Tageszeitungen im digitalen Zeitalter niemanden mehr begeistern können. Wir müssen die jungen Leute schon da abholen, wo sie stehen: im Netz.“ Frühzeitig stellte sich der Amtsleiter darauf ein, auch Gegenwind zu bekommen. Letztendlich war das Feedback auf allen Kanälen aber ausschließlich positiv. „Die Bonner leben ja auch im digitalen Zeitalter und wissen, was wir wissen: Dauerhaft weniger städtische Angestellte – dauerhaft weniger gute Leistungen für die Bürger.“ Die Resultate der Kampagne können sich aber auch sehen lassen. Findet jedenfalls der Verantwortliche: „Vor der Kampagne haben wir auf zwei Ausbildungsplätze zum Abwassertechniker drei Bewerbungen bekommen. Auf die letzten Ausschreibungen meldeten sich 26 Bewerber. Und was auch ganz neu ist: Wir bekommen jede Menge Initiativbewerbungen. Und die gab es vor der Kampagne so gut wie gar nicht.“

Andreas Leinhaas überlegt einen Moment: „200.000 Euro – das hört sich für viele städtische Personaler vielleicht erst einmal viel an und natürlich ist das auch eine stolze Summe, wenn man sie zum Beispiel in Kitaplätze umrechnet, was ich eigentlich immer tue. Trotzdem: Bei einem städtischen Personaletat von über 300 Millionen im Jahr relativiert sich diese Zahl schnell. Und wenn man dann noch berücksichtigt, dass unsere Leute im Laufe einer lebenslangen Beschäftigung jeweils einen Millionenbetrag kosten, dann fallen die Kosten für eine erfolgreiche Rekrutierung schon gar nicht mehr ins Gewicht.“ Innovative Werbekonzepte sind das Eine, innovative Strukturen innerhalb der Kommune das Andere. So zufrieden Lea Dinstühler mit ihrem Job ist, ein bisschen mehr Wille zur Veränderung wünscht sie sich bei der Stadt schon. „Manche Kollegen sehen zunächst nur, dass neue Prozesse in der ersten Phase der Implementierung tatsächlich aufwändiger sein können. Aber wenn sie dann einmal laufen, dann sind sie eben doch schneller. Und deshalb wünsche ich mir ein bisschen mehr Gestaltungskraft, Durchhaltewillen und Mut, Abläufe neu zu betrachten und neu zu organisieren.“ Das sieht René Geißler, Verwaltungswissenschaftler und Projektmanager bei der Bertelsmann-Stiftung ganz ähnlich: „Tatsächlich sind gerade die älteren Semester in den Stadtverwaltungen oft noch von bürokratischem und rechtsformellem Denken geprägt. Führungskräfte in den Kommunen sollten aber eine neue, zeitgemäße, von ,Trial and Error‘ geprägte Kultur entwickeln und auf diesem Weg auch den Nachwuchs einspannen.“

Kommunen müssen Vorteile gegenüber Privatwirtschaft ausspielen

Generell sieht Geißler – trotz Bildungsabwanderung – für kleine und mittlere Kommunen Vorteile im Arbeitsmarkt der Zukunft. „Gerade ländliche Kommunen können mit Pfunden wuchern, die ihnen manchmal selbst nicht ganz klar sind: Dazu gehören wenig überlaufene Infrastrukturen und deutlich günstigere Immobilienpreise. Und tatsächlich hat auch der Begriff Heimat bei vielen jungen Leuten wieder einen guten Klang“, erklärt der Wissenschaftler und denkt dabei wahrscheinlich an Menschen wie Brigitta Bertram. Die 27-Jährige stammt aus Sundern-Endorf, einem kleinen Örtchen im Hochsauerland. Nach Fach-Abi, Berufskolleg und einer Lehre zur Groß- und Außenhandelskauffrau stellte die junge Frau fest: Das ist es nicht. Jetzt arbeitet sie in einer städtischen Kita als Erzieherin. „Ich denke, ich habe Glück gehabt. Die Stadt ist hier auf dem Land zwar ein großer Träger, aber die Atmosphäre in der Kita ist sehr herzlich und sehr familiär. Das Gehalt ist nicht überragend, aber OK. Außerdem ist mein Job sicher. Wichtige Faktoren, aber für mich nicht ausschlaggebend. Für mich gilt: Große, unübersichtliche Strukturen sind nicht mein Ding. Ich bin sehr heimatverbunden, liebe die Natur und umgebe mich gerne mit Menschen, die ich schon immer gekannt habe. Und da ist die Stadt, in der ich aufgewachsen bin, genau der richtige Arbeitgeber.“