Diskussion um Arbeitszeit und Freizeit
Die Deutschen arbeiten im Ländervergleich weniger als die meisten in der EU.
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Zukunftsforscher

Sind die Deutschen arbeitsscheu?

"Lifestyle-Teilzeit“ wird zum politischen Schlagwort. Hohe Abgaben, starre Regeln und schlechte Bedingungen bremsen Motivation, meint Zukunftsforscher Daniel Dettling. Mehr Arbeit braucht bessere Anreize – und mehr Würde.

Das neue Jahr ist erst wenige Wochen alt und das Unwort des Jahres 2026 steht bereits fest: „Lifestyle-Teilzeit“. Das „Jahr der sozialen Reformen“ fängt mit einer Ansage des Kanzlers und der Arbeitgeber an: „Die Deutschen arbeiten zu wenig und sind zu oft krank“. 40-Stunden-Woche statt Yoga und Freizeit?

Die Fakten scheinen Kanzler und Arbeitgeber Recht zugeben: In Vollzeit arbeiten die Deutschen zwar genau so viel wie andere Europäer; mit Teilzeit, Urlaub und Krankheitstage liegen wir mit 33 Stunden in der Woche am unteren Ende in der EU. Die Arbeitszeit der meisten Arbeitnehmer in der EU ist in den letzten zehn Jahren deutlich mehr gewachsen als bei uns. Bei der Lebensarbeitszeit, über das gesamte Erwerbsleben betrachtet, sind wir mit Luxemburg Schlusslicht. Müssen wir Abschied nehmen vom deutschen Arbeitsmodell mit seiner Kombination aus hoher Erwerbsbeteiligung, hoher Teilzeitquote (vor allem bei Frauen), einer starken sozialen Absicherung und mehr freien Tagen als im EU-Schnitt?

Mehr arbeiten lohnt sich für die Mehrheit nicht 

Mehr arbeiten lohnt sich für die Mehrheit nicht. Nur jeder Vierte ist zu Mehrarbeit bereits, so eine neue Befragung. 70 Prozent lehnen den Vorschlag ab, „Lifestyle-Teilzeit“ einzuschränken. Wenn die Bundesregierung will, dass die Menschen mehr arbeiten, muss sie mehr Überzeugungsarbeit leisten. Mehr Arbeiten lohnt sich für viele in Deutschland nicht, insbesondere für Frauen und Ältere. Der steile Steuertarif macht die Mehrarbeit vor allem für mittlere Einkommen unattraktiv, ebenso wie die starke Steuerprogression bei niedrigen Einkommen.  Wer mehr arbeitet, muss am Ende auch mehr Netto haben. Mehr Netto, ein Abschied von den Altersgrenzen und bessere Arbeitsbedingungen sind der Dreiklang aus der Arbeitskrise. 

Ist es Aufgabe von Politik, den Menschen zu sagen, wie viel sie arbeiten sollen? Oder besser Anreize und Rahmenbedingungen zu schaffen, damit Menschen im Laufe ihres Lebens frei ihre Wahl treffen können, wie und wie viel sie arbeiten wollen? Ja, wir müssen mehr arbeiten, aber besser! Die Antwort auf die Krise der Arbeit ist ihre Rettung. 

Ja, wir müssen mehr arbeiten, aber besser!

Daniel Dettling, Zukunftsforscher

Nicht mehr oder weniger, sondern besser und gesünder Arbeiten! Das Arbeits- und Produktivitätspotenzial ist längst nicht ausgeschöpft. Wenn auch in Deutschland mehr Frauen statt Teilzeit nahe Vollzeit und mehr Ältere länger arbeiten, läge das Wachstum nicht bei 0,3 Prozent wie zuletzt 2025, sondern zwischen 2 und 3 Prozent. Waren vor 25 Jahren von den 60- bis 64-Jährigen nur 10 Prozent sozialversicherungspflichtig beschäftigt, sind es heute über 50 Prozent. Und das ist erst der Beginn des Anstiegs. Immer mehr sind bereit, jenseits der 60 zu arbeiten, auch weil sie ihre Rente sonst niedrig ausfällt. Drittens geht es um bessere Arbeitsbedingungen. Nicht mehr oder weniger, sondern besser und gesünder Arbeiten!

Weniger Arbeitszeit in Zeiten des Wirtschaftswunders 

Für den Faktor Produktivität ist nicht in erster Linie die Zahl der Arbeitskräfte entscheidend. Das zeigt auch der Blick in die Geschichte: Die Jahre des Wirtschaftswunders waren in Deutschland von einem deutlichen Rückgang der Arbeitszeit geprägt, so der Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe. Die Menschen arbeiten dann produktiver, wenn sie sich wertgeschätzt fühlen und sich mehr Leistung lohnt, steuerlich wie betrieblich. Mitarbeitende, die Leistungsprämien (statt Weihnachtsgeld) erhalten, sind zufriedener und engagierter in ihrem Job, hat eine Studie des iw Köln im letzten Jahr gezeigt. Der Rest richtet sich in der „inneren Kündigung“ ein. Freiwilliges Kündigen lohnt sich in der Regel, wenn woanders mehr verdient wird. 

Die Würde der Arbeit und der soziale Zusammenhalt

Die Arbeit gehört seit der Antike neben dem Streben nach Gemeinschaft und Glück zum Wesen des Menschen. Für den Kommunitarier Michael J. Sandel untergräbt „eine politische Ökonomie, die sich nur mit der Größe und der Verteilung des BIP befasst … die Würde der Arbeit und bringt ein verarmtes zivilgesellschaftliches Leben mit sich.“ Ziel muss ein Arbeitsmarkt sein, der beides befördert: die Würde der Arbeit und den sozialen Zusammenhalt. Sandel macht dazu einen radikalen Vorschlag und plädiert für eine Ersetzung der Einkommenssteuer durch eine Finanztransaktionssteuer. Eine Gesellschaft der langen Arbeit sollte die Tätigkeiten und Produktionsformen besteuern, die dem Gemeinwohl abträglich sind. Abgaben auf Arbeit sind nach dem kommunitarischen Konzept falsch. Schaffen wir sie ab und ersetzen sie durch Steuern auf das, was uns allen schadet: CO₂, digitale Monopole, Tabak, Zucker, Alkohol, nicht genutztes Vermögen.  Bei gleicher Arbeitszeit, gesünder und länger arbeiten und mehr verdienen – es lebe der neue Lifestyle!