Bürgermeister Wahlkampfstrategien
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Kommunalwahlkampf

Vier Wahlsieger- vier erfolgreiche Konzepte

Ein fränkisches Dorf ganz ohne Wahlkampf, eine Bürgermeisterkandidatin mit 1.000 Stunden Ehrenamt und eine Rathauschefin, die ihre Wähler mit Dauerpräsenz mobilisiert - was Kommunalwahlkämpfe erfolgreich macht.

In der fränkischen 1.000-Einwohner-Gemeinde Weigenheim fiel der Wahlkampf auch dieses Mal aus. Rainer Mayer trat bei der Kommunalwahl am 8. März zum dritten Mal an – ohne Gegenkandidaten, ohne Plakate, ohne Kampagne. Stattdessen war er wie immer im Ort unterwegs: bei Generalversammlungen, bei Feiern, bei Veranstaltungen. „Dort präsent zu sein und Ansprechpartner zu sein, ist wichtiger als Kugelschreiber zu verteilen“, sagt der Langzeit-Bürgermeister. Dennoch gingen wieder überdurchschnittlich viele wählen: 81 Prozent. Für Mayer, seit 12 Jahren im Amt, ist das ein deutliches Signal: Die Menschen interessieren sich für ihre Gemeinde – und honorieren offenbar auch seine Arbeit. Er wurde mit knapp 90 Prozent Zustimmung wiedergewählt. 



Der hauptberufliche Notfallsanitäter kennt die Kommunalpolitik seit Jahrzehnten. Bevor er Bürgermeister wurde, saß er bereits 12 Jahre im Gemeinderat. Auch in Weigenheim ist nicht alles rosig. „Wir haben viele Pflichtaufgaben zu erledigen, das schränkt unseren Spielraum massiv ein“, sagt Mayer. Umso wichtiger sei der direkte Draht zu den Bürgerinnen und Bürgern – gerade in einer kleinen Gemeinde, in der sich fast jeder kennt. Sein „Wahlkampf“ findet, so sagt er, das ganze Jahr statt.  

Zitat und Foto Bürgermeister Mayer

Dass eine hohe Wahlbeteiligung bei Kommunalwahlen eher die Ausnahme ist, zeigt der Blick auf die Forschung. Der Politikwissenschaftler Christian Martin beobachtet seit Jahren einen auffälligen Trend: Während bei Bundestagswahlen wieder deutlich mehr Menschen zur Wahl gehen – inzwischen liegt die Beteiligung wieder in der Mitte der 80-Prozent-Marke – bleibt sie bei Kommunalwahlen meist deutlich niedriger.  

Der Grund für diese Diskrepanz liegt nach Martins Einschätzung auch im politischen Klima. Auf Bundesebene ist der politische Wettbewerb schärfer geworden. Neue Konfliktlinien mobilisieren zusätzliche Wähler. „Die steigende Wahlbeteiligung hat viel mit Polarisierung zu tun“, sagt Martin. Der AfD gelinge es, mit ihren emotional aufgeladenen Themen immer noch am besten, ihre Wähler zu mobilisieren.

Politikwissenschaftler: Was bei Kommunalwahlen zählt

Auf kommunaler Ebene funktioniert Politik dagegen anders. Entscheidend sind hier praktische Fragen des Alltags. „Es geht darum, ob es genügend Kindergartenplätze gibt oder ob der Müll vernünftig abgeholt wird.“  Je kleiner eine Kommune ist, desto weniger spiele die Bundespolitik eine Rolle, stellt Martin fest. Paradoxerweise könne eine geringere Wahlbeteiligung also auch ein Zeichen dafür sein, dass lokale Politik pragmatischer und weniger polarisiert abläuft. „Bei Bürgermeisterwahlen zählen weniger Parteien als Menschen – das gilt immer noch“, betont der Professor an der Universität Kiel.

Wie unterschiedlich Kandidatinnen und Kandidaten versuchen, diese Nähe herzustellen, zeigt ein Blick nach NRW. In Hattingen entschied sich die heutige Bürgermeisterin Melanie Witte-Lonsing vor den Kommunalwahlen im September 2025 für einen besonderen Wahlkampf – und setzte sich damit gegen ihre Mitbewerber durch. Ihr Versprechen: „1.000 Stunden Ehrenamt – lernen Sie mich kennen.“ Über 30 Jahre war sie bereits im Stadtrat vertreten, zuletzt als Fraktionsvorsitzende der SPD. Hauptberuflich arbeitete sie in der Politik. Für ihren Wahlkampf reduzierte Witte-Lonsing ihre Stelle zeitweise auf eine halbe Stelle. Ein Jahr lang zog sie durch die Stadt und arbeitete überall dort mit, wo Menschen sich engagieren – etwa im suchtmittelfreien Café, bei einem Weinfest oder in einer Einrichtung der Lebenshilfe. Auch in Sportvereinen half sie bei Veranstaltungen. „Das Risiko war, dass sich gar keiner meldet“, sagt sie rückblickend. Doch die Termine füllten sich schnell, Vereine luden sie ein, bei Aktionen mitzumachen. Hattingen hat rund 55.000 Einwohner – groß genug für Wettbewerb, klein genug, dass sich ein solches Engagement schnell herumspricht.

Bürgermeiserin Witte-Lonsing

Auf ihrer Website lief ein Zähler mit. Am Ende standen die versprochenen 1.000 Stunden. „Sie lernen so unglaublich viele Menschen kennen“, kann Witte-Lonsing einen solchen Wahlkampf nur empfehlen. Gleichzeitig bekam sie einen direkten Einblick in die Strukturen des Ehrenamts – ein Wissen, das ihr heute im Rathaus hilft. In der heißen Phase des Sommerwahlkampfs organisierte sie zudem ungewöhnliche Aktionen: eine Ruderregatta auf der Ruhr, ein Menschenkicker-Turnier in der Altstadt und ein Kneipenquiz mit rund 150 Teilnehmern. Die Fragen drehten sich um Hattingen, um Wahlen oder um den Sommer. Politik spielte durchaus eine Rolle, stand aber nicht allein im Mittelpunkt. „Wir wollten die Menschen auch unterhalten“, erzählt Witte-Lonsing. 

Ganz anders der Wahlkampf von Sabine Noll in Sprockhövel. Sie trat im September 2025 zur Wiederwahl an – und verzichtete bewusst auf besondere Aktionen. „Ich habe im Wahlkampf nichts gemacht, was ich nicht die fünf Jahre vorher auch gemacht habe“, sagt sie. Für Noll war entscheidend, authentisch zu bleiben. „Die Menschen sollen nicht denken: Jetzt ist Wahlkampf, jetzt kommt sie wieder aus der Kiste.“ Stattdessen setzte sie auf Veranstaltungen, offene Ohren für Anliegen, regelmäßiger Austausch mit den Menschen. Inhaltlich ging es vor allem um lokale Themen – etwa Stadtentwicklungsprojekte, Verkehr oder Bürgerbeteiligung. „Die Bürgerinnen und Bürger werden bei jeder Möglichkeit mitgenommen“, sagt Noll. Entscheidungen sollen möglichst gemeinsam entstehen. Auf Social Media veröffentlichte sie im Wahlkampf regelmäßig kurze Videos – meist nicht länger als eine Minute –, in denen sie Projekte erklärt oder auch Probleme anspricht. Ihr Tipp: „Man muss auch mal sagen können, wenn etwas nicht optimal läuft“, sagt sie.

Sabine Noll

Heinz Pollak, seit 2014 Bürgermeister der niederbayerischen Stadt Waldkirchen, hat sich bei den Kommunalwahlen 2026 bereits im ersten Wahlgang gegen seinen Herausforderer durchgesetzt. Mit zahlreichen Projekten während seiner Amtszeit – auch wenn nicht alle unumstritten waren – konnte er die Mehrheit der Wähler überzeugen. Im Wahlkampf stellte Pollak immer wieder den starken Zusammenhalt in Waldkirchen heraus. Unterstützung erhielt er dabei auch in den sozialen Medien: In kurzen Videos sprachen sich Gewerbetreibende und Freunde für ihn aus, und auch seine Schwester warb dort leidenschaftlich für seine Wiederwahl.

Bürgermeister Pollak

Politikwissenschaftler Martin sieht Social Media im Kommunalwahlkampf als Ergänzung – und als zweischneidiges Schwert. Gerade auf lokaler Ebene könne es schnell nach hinten losgehen, wenn Bürgermeister versuchen, sich zu stark über soziale Netzwerke zu inszenieren, warnt er. Der „Social-Media-Bürgermeister“, der ständig postet und seine Präsenz ständig dokumentiert, komme nicht bei allen gut an. „Vor Ort kennen die Leute ihre Bürgermeister ja“, sagt Martin. Entsteht neben dem digitalen Image ein anderes Bild im Alltag, könne das sogar eher schaden.

Wichtiger bleibt im Wahlkampf der direkte Kontakt. Klassische Formen wie der Haustürwahlkampf haben keineswegs ausgedient. Im Gegenteil: Gespräche auf dem Wochenmarkt, auf öffentlichen Plätzen oder vor der Haustür funktionieren gerade auf kommunaler Ebene immer noch erstaunlich gut. „Persönliche Ansprache ist entscheidend“, sagt Martin. Kandidatinnen und Kandidaten sollten dabei auch zu ihren Positionen stehen – und nicht versuchen, es allen recht zu machen. Oder, wie Sprockhövels Bürgermeisterin Sabine Noll zusammenfasst: „Ein erfolgreicher Kommunalwahlkampf heißt: authentisch sein, zuhören – und Lösungen anbieten.“