Wildschweinplage
Wildschweine: Raus aus den Gärten, zurück in den Wald
Wildschweinplage in Kleinmachnow
Der brandenburgische Ort, der an Berlins Südwesten angrenzt, ist für ein ganz bestimmtes Wildschwein „berühmt“ geworden. Im Sommer 2023 machte Kleinmachnow international Schlagzeilen. Ein Handyfoto löste damals eine Großfahndung nach einer vermeintlichen Löwin aus. Nach Auswertung aller Indizien kam die Entwarnung: Das Tier war doch einfach nur ein Wildschwein. Eines von Hunderten, die in Kleinmachnow herumstreifen und sich hier offenbar sehr wohlfühlen. Bisher zumindest. Im Wahlkampf hat Bodo Krause versprochen, gegen die Wildschweinplage in Kleinmachnow mit einem neuen Konzept vorzugehen. Nach ein paar Monaten im Amt sieht er erste Erfolge. „Ich kann mich an eine frühere Info-Broschüre der Gemeinde erinnern, da stand sinngemäß drin: Ihr seid ins Grüne gezogen, da müsst ihr, liebe Bürgerinnen und Bürger, akzeptieren, dass ihr hier mit Waldbewohnern, also Wildschweinen, zu tun habt“, so Krause. Und es wurde geraten: „Zieht euch einen Zaun.“ Er hingegen sagt: „Es ist den Menschen nicht zuzumuten, mit dieser Belastung zu leben.“

Im vergangenen Jahr wurden die Abschusszahlen in der Gemeinde verdreifacht.“
Es beginnt schon damit, dass Zaun nicht gleich Zaun ist. „Für ein Wildschwein ist ein Jägerzaun kein Hindernis, entweder es hüpft drüber oder es nimmt ihn einfach auseinander. Beides passiert mehr oder weniger wöchentlich hier in Kleinmachnow“, so Krause. Und hier kommt schon sein erster Tipp, von Experten empfohlen und von wehrhaften Gartenbesitzern erfolgreich erprobt: ein mindestens 60 Zentimeter hoher, im Erdreich fest verankerter Stabgittermattenzaun. Die Schweine können weder über ihn springen noch sich unten durchbuddeln.

Berlin als Hotspot für Wildschweine
Auch das benachbarte Berlin gilt als Hotspot. Schätzungsweise 5.000 Wildschweine leben in der Hauptstadt, vor allem in den Außenbezirken. Milde Winter und reichlich Futter beschleunigen ihre Vermehrung. In Kleinmachnow sind Rotten mit 40 Tieren keine Seltenheit mehr. Solche Großverbände gelten in freier Natur als untypisch und bergen Risiken – für Verkehrsteilnehmer ebenso wie für die Tiergesundheit. Wildschweine richten nicht nur große Schäden an, sie können auch gefährlich werden. Angriffe auf Menschen sind jedoch selten. Gefährlich wird es, wenn Bachen ihre Frischlinge verteidigen oder Tiere in die Enge geraten. Im Ernstfall attackieren sie die Beine, scharfe Zähne können schwere Verletzungen verursachen. Die Gemeinde Kleinmachnow rät den Bürgern: Um das Tier im Garten zu vertreiben, ist Anschreien effektiver als mit einem Gegenstand herumzufuchteln. Machen Sie Lärm, wird es den Tieren ungemütlich und sie ziehen weiter, sofern man sie nicht in die Enge getrieben hat. Es gilt: Abstand halten und Ausweg nicht versperren! Bei einer Begegnung im Wald oder auf der Straße ist zu beachten: Rennen Sie nicht weg, die Tiere sind schneller. Es ist besser, sich ruhig verhalten und in einer gefährlich anmutenden Situation lieber einen Umweg in Kauf zu nehmen.
„Wildschweine sind nicht per se gefährlich, die Gefahr kommt über Bande“, sagt Kleinmachnows Bürgermeister. Werden sie aufgeschreckt oder in die Enge getrieben, läuft eine Rotte auf die Straße. So kam es in der Gemeinde schon mehrfach zu Verkehrsunfällen.
In besiedelten Gebieten Wildschweinjagd verboten
Welche Handhabe haben Kommunen im Kampf gegen Wildschweine? Die wachsenden Rotten stellen auch die Jagd vor Herausforderungen. Innerorts gilt das brandenburgische Jagdgesetz: In „befriedeten Bezirken“ ist das Schießen verboten, Ausnahmen muss die Jagdbehörde genehmigen. Für Krause ein Ärgernis: „Wenn abends eine Rotte im Garten steht, bringt uns eine Genehmigung Wochen später nichts.“ Er fordert, dass die Gemeinde kurzfristig entscheiden darf. Krause will erreichen, dass die Kommune die Möglichkeit erhält, eine rechtssichere Ausnahmegenehmigung zu erteilen.
Ausnahmen im Jagdgesetz
In Siedlungsgebieten ist die Jagd bundesweit verboten. Doch schon jetzt dürfen Jagdpächter eingreifen, wenn „Gefahr im Verzug“ ist. Allerdings nur mit einem sicheren Schuss von oben nach unten, um Querschläger auszuschließen. In Parks und Gärten ist das möglich, auf versiegelten Flächen wie dem Rathausmarkt nicht. Von dem neuen Konzept in Kleinmachnow verspricht der neue Bürgermeister sich viel: Statt die Tiere im Wald zu bejagen, werden für sie dort Feuchtstellen und Rückzugsräume geschaffen. Gleichzeitig soll der Aufenthalt in Wohngebieten unattraktiv für sie werden. Dafür müssen die Bewohner die Mülltonnen sichern und keine Essensreste offen liegen lassen. Die Jagdpächter erlegen die Schweine möglichst innerorts – und versprechen sich davon, dass der Rest der Rotte sich künftig lieber im Wald aufhält.
Abschusszahlen in der Gemeinde verdreifacht
Im vergangenen Jahr wurden die Abschusszahlen in der Gemeinde verdreifacht, 240 Wildschweine wurden geschossen. „Seit April 2025 wurden bereits 49 Wildschweine zur Strecke gebracht“, so Krause. „Wenn die Rotten mit über 40 Tieren sich vermehren, können sie auf Größenordnungen von 60 bis 80 Tiere kommen“, so Krause. Wie viele Schweine unterwegs sind, ist schwer zu sagen. Die Kleinmachnower sind aufgefordert, Wildschweinsichtungen digital zu hinterlegen.
Bürgermeister für Bogenjagd
Auch alternative Jagdmethoden stehen zur Debatte. Bürgermeister Bernd Albers im Nachbarort Stahnsdorf macht sich seit Jahren dafür stark, dass die Wildschweine mit Pfeil und Bogen auf dem besiedelten Gebiet erlegt werden dürfen. Seit 1976 ist die Bogenjagd in Deutschland verboten, in Italien, Frankreich und Spanien hingegen ist sie erlaubt. Inzwischen auch auf dem Stadtgebiet Madrids. Kleinmachnows Bürgermeister war früher skeptisch. „Mittlerweile halte ich die Bogenjagd zusätzlich auch für sinnvoll“, sagt er.
Die Wildschweine sind auch für die Kinder so präsent im Ort, dass beim Mal- und Bastelwettbewerb zum 100-jährigen Bestehen Kleinmachnows 48 Wildschweine aus Pappmaché das Rennen machten

TIPP 1
- Eigentum sichern, Nahrungsquellen vermeiden
- Grundstück mit geeigneten Einfriedungen oder stabilen Zäunen schützen.
- Wildschweine nicht füttern – es droht ein Bußgeld bis zu 5.000 Euro.
- Keine Essensreste kompostieren – das lockt Schwarzwild an.
TIPP 2
- Garten und Abfall richtig handhaben
- Fallobst regelmäßig aufsammeln, um Wild nicht anzuziehen.
- Mülltonnen erst am Entsorgungstag morgens bereitstellen, nicht über Nacht.
- Abfälle und Grünreste nur auf zulässigen Flächen entsorgen, nicht im Wald oder auf Brachflächen.
TIPP 3
- Verhalten bei Wildschwein-Begegnungen
- Ruhe bewahren und Abstand halten – Wildschweine sind wehrhaft, aber kein Raubwild.
- Lärm machen statt fuchteln – Anschreien vertreibt eher als Schirm oder Stock.
- Fluchtwege freihalten, Tiere nicht in die Enge treiben.
