Bonn wirbt mit Kampagne um Bewerber - Mann surft auf Welle
Bonn wirbt mit Kampagne um Bewerber
© Die Oberbürgermeisterin der Bundesstadt Bonn, Personal- und Organisationsamt/Presseamt

Fachkräftemangel

So gelingt die Kampagne für die öffentliche Verwaltung

Die Corona-Pandemie stellt den öffentlichen Dienst vor eine harte Probe – sie ist aber auch eine große Chance, mehr Bewerber zu finden. Kommunen melden steigendes Interesse. Die Stadt Bonn zeigt, wie eine Rekruiting-Kampagne witzig und erfolgreich sein kann und sagt, was zu beachten ist.

„Und Beamtendeutsch? Sprechen Sie nach Ihrer Ausbildung fließend!“ Das verspricht eine junge Frau im hellen Hosenanzug und glitzernder Aura.  Sie kann bereits Beamtendeutsch. Andrea Wagner ist Verwaltungswirtin bei der Stadtverwaltung Bonn. In diesem Job bereitet sie nicht nur Sitzungen vor, kennt relevante Richtlinien und Gesetzestexte und leitet Nachwuchs- und Hilfskräfte an. Sie hat auch das „Einmaleins der Aktenführung“ drauf.  Auf dem Plakat, auf dem die junge Verwaltungswirtin neue Kolleginnen und Kollegen sucht, heißt sie „Die Datenträgerin“ - und ist umgeben von Glamour. Der Widerspruch macht den Erfolg.

Kampagne der Stadt Bonn um Bewerber für die öffentliche Verwaltung

Andrea Wagner ist nicht die Einzige in der Bonner Stadtverwaltung, die sich in ungewöhnlicher Aufmachung als Botschafterin für den chronisch bewerberarmen öffentlichen Dienst zur Verfügung gestellt hat.  Da gibt es auch die Klarspüler, die im Bereich Abwassertechnik den klaren Durchblick haben, verkörpert durch Abwassertechniker Achim Höcherl. Oder die Schutzengel. Die Diplom-Sozialarbeiterin Carolyn Molitor ist so ein Engel, für den Helfen nicht nur eine Selbstverständlichkeit ist, sondern Leidenschaft. Stellenausschreibung mal anders: Witzig, ironisch, frech.

Datenträgerin Kampagne Bonn

„Unsere Kampagne ‚Bonn macht Karriere‘ geht jetzt ins vierte Jahr“, berichtet Andreas Leinhaas, Leiter des Personal- und Organisationsamtes in der Stadtverwaltung Bonn.  „Im Juni werden wieder neue Motive dazukommen. Dann sind die Feuerwehr und der Bäder- und der Vermessungsbereich dran.“ Und da kommt schon sein erster Tipp: „Kein Strohfeuer entzünden, sondern dabeibleiben.“ Über eine Dauer-Kampagne könne sich das verstaubte Bild von Verwaltung am nachhaltigsten wandeln. Mit ihrer ungewöhnlichen Rekruiting-Offensive will Bonn zeigen, dass die Arbeit bei einer Kommune alles andere als öde ist, sondern vielfältig und bunt. Mehr als 45 Berufe können bei der Stadtverwaltung ausgeübt werden, 30 verschiedene Ausbildungsberufe werden angeboten.

Öffentliche Verwaltung als Arbeitgeber beliebter

Die positive Resonanz gibt den Machern recht: „Viele junge Menschen finden es mittlerweile cool, für uns zu arbeiten“, sagt Personalchef Leinhaas. Gerade Jüngeren, so stellt er fest, sei es sehr wichtig, sich in der Stadt einzubringen, in der sie leben. „Vor ein paar Jahren mussten sich viele noch dafür rechtfertigen, dass sie bei der Stadtverwaltung arbeiten.“ Der Personalchef verweist auf Studien, die den neuen vielversprechenden Trend bestätigen. Die öffentliche Verwaltung sei als Arbeitgeber inzwischen beliebter als Banken oder die Automobilbranche. Sehr gefragt ist zum Beispiel der Job des „Waldmeisters“: Bonn konnte die ausgeschriebenen Stellen mit Forstwirten „gut besetzen“.

Die Corona-Krise hat nach einer Recherche von KOMMUNAL die Chancen durchaus erhöht, Bewerber für die kommunale Verwaltung zu finden.  „Der Wunsch nach einem sicheren Arbeitsplatz nimmt merkbar zu“, bestätigt auch Leinhaas.

Andreas Leinhaas Personalchef Stadt Bonn

Viele junge Menschen finden es mittlerweile cool, für uns zu arbeiten.“

Andreas Leinhaas, Leiter Personal- und Organisationsamt Bonn



Die Stadt ist in Bonn ein großer Arbeitgeber, immerhin beschäftigt sie rund 7.500 Mitarbeiter, die beträchtlichen Personalkosten liegen pro Jahr bei rund 350 Millionen Euro. Die Kampagne „Bonn macht Karriere“ kostete sie bislang rund 300.000 Euro. Nicht jede Stadt oder gar kleine Gemeinde will und kann sich einen solchen Werbe-Etat leisten, die Initiative zeigt aber: Mehr Mut, mehr Pep und größeres Selbstbewusstsein helfen, um die zunehmend vakanten Stellen zu besetzen. Denn fest steht: Die Kommunen werden in den nächsten Jahren Tausende von Mitarbeitern verlieren, wenn die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen.  

So pfiffig die Kampagne der Stadt Bonn auch ist, so warnt der Leiter der Personalverwaltung, Andreas Leinhaas, davor, das Arbeiten in der Kommunalverwaltung allzu schönzureden. „Wir müssen ehrlich mit unseren Stärken und Schwächen umgehen“, sagt er. „In Bonn sitzen wir teilweise immer noch auf Stühlen, die genauso in die Jahre gekommen sind wie der ganze Rathausbau.“ Im Stadthaus liegt noch der gleiche graue Teppich, der 1978 gelegt worden war.  Es dürfe nicht zum Kulturschock bei neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern kommen.

Bonn setzt auf die Plakate in der Stadt und im U-Bahnhof, wirbt auf Social-Media-Kanälen und inseriert auf Arbeitgeberportalen im Internet. Der Ausbildungsleiter geht aber auch in Schulen. 2019 präsentierte sich die Kernverwaltung, aber auch der Gesamtkonzern erstmals bei einer Hausmesse als Arbeitgeber.

Job-Ticket für Nachwuchs im öffentlichen Dienst

Werbung darf aber nicht alles sein. „Wir bieten den Nachwuchskräften beispielsweise kostenlos ein Job-Ticket an“, erzählt Leinhaas. „Alle anderen Mitarbeiter können zum Einheitspreis von 30 Euro pro Monat mit dem ÖPNV durch einen großen Teil von Nordrhein-Westfalen fahren.“ Schon jetzt gebe die Stadt Vorschüsse für die Anschaffung von E-Bikes und Elektro-Autos. Geplant ist ein Leasingmodell für Jobfahrräder.  „Zeitsouveränität ist das A und O“, sagt der Personalchef. „Starre Arbeitszeiten sind für die meisten Menschen ein Grauen.“ Die Vorstellung, um 8 Uhr in der Arbeit sein zu müssen, passe in kein Lebensmodell mehr. Dieser Trend habe sich durch die Corona-Krise verstärkt: Auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie werde daher großer Wert gelegt: Bonn sei dabei, sich als familienfreundliche Arbeitgeberin zertifizieren zu lassen. Dennoch müsse immer im Vordergrund stehen: „die Leistung für unsere Bürgerinnen und Bürger“, betont der Personalchef.

Koblenz stellt Bewerberanstieg fest

KOMMUNAL wollte auch von anderen Kommunen wissen: Wie sieht die Bewerberlage in Pandemie-Zeiten aus, in der viele Menschen in Kurzarbeit geschickt werden oder gar arbeitslos werden?  Die Stadt Koblenz (Rheinland-Pfalz), Arbeitgeberin von 2.400 Beschäftigten, verkündet einen klaren Anstieg. 2020 gingen bei ihr rund 4.900 Bewerbungen ein, im Jahr davor waren es etwa 3.700.  Wie ein Sprecher sagte, gab es für die Stellen im Kommunalen Vollzugsdienst bei einer Ausschreibung Anfang 2020 etwa 60 Bewerbungen. Bei einer weiteren Ausschreibung in der Jahresmitte waren es bereits 230 Bewerbungen. „Wir konnten Stellen in allen Bereichen besetzen: im kommunalen Vollzugsdienst, bei der Überwachung für den fließenden Verkehr sowie vereinzelt Ingenieursstellen und Technikerstellen und auch Sacharbeiterstellen“, so der Sprecher der Stadt.  Eine Herausforderung sei nach wie vor, gutes Fachpersonal im Kitabereich einzustellen. Auch Stellen im Verwaltungsbereich oder mit EDV/IT-Bezug sowie Ingenieursstellen und Technikerpositionen seien vereinzelt offen.  Neben betrieblichen Zusatzleistungen winken Mitarbeitern Prämien, wenn sie Stellen erfolgreich weiterempfehlen, auch ein Neugeborenen-Geschenk zur Geburt des Kindes gehört zu den Vergünstigungen.

Berlin bündelt Jobangebote für öffentlichen Dienst

Selbst in Berlin, wo die einst kaputtgesparte Verwaltung seit Jahren unter extremer Personalnot leidet, wird die Corona-Krise offenbar zur Chance. Finanzsenator Matthias Kollatz sagte KOMMUNAL: „Allein 2020 gab es mehr als  136.000 Bewerbungseingänge, 2018 waren es noch knapp 57.500. Es ist erstaunlich, dass die Zahl ausgerechnet im ‚Corona-Jahr‘ so stark gestiegen ist.“  Er zeigt sich sicher: „Diesen Prozess befördert haben aber bestimmt die guten Rahmenbedingungen und sicheren Perspektiven im Berliner Verwaltungsdienst.“  Hinzu käme: „Auf dem neuen landesweiten Karriereportal sind alle Jobangebote gebündelt und Onlinebewerbungen möglich. Dadurch konnten deutlich mehr Stellen ausgeschrieben und Bewerbungsverfahren schneller abgeschlossen werden.“ Derzeit sind im unmittelbaren Landesdienst Berlins rund 127.370 Beschäftigte tätig.

Allein 2020 gab mehr als 136.000 Bewerbungseingänge, 2018 waren es noch knapp 57.500.“

Berlins Finanzsenator Matthias Kollatz

Auch in Eltville am Rhein in Hessen steigen die Bewerberzahlen, wie Bürgermeister Patrick Kunkel bestätigt. Die Stadt beschäftigt rund 185 Mitarbeitende und konnte unter anderem offene Stellen im Bürgerbüro, im Bauamt und in der Tagespflege besetzen. Seit 1. Februar bietet Eltville ein kostenloses Job-Ticket an. 

Selbst der strukturschwache Landkreis Prignitz in Brandenburg erhält derzeit mehr Initiativbewerbungen.  Allerdings passten diese nur selten auf aktuelle Ausschreibungen, bedauerte ein Sprecher. Dennoch falle auf: „Die Qualität der Bewerbungen ist um einiges besser als noch vor ein paar Monaten.“ Vor allem befristete Stellen wegen Elternzeit konnten in der Corona-Krise besetzt werden. Dennoch muss auch der Landkreis, Arbeitgeber von 790 Beschäftigten und 34 Auszubildenden, am Ball bleiben. „In den nächsten zehn Jahren verlassen uns rund ein Viertel der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen“, sagte der Prignitz-Sprecher.



 

Fotocredits: Andreas Leinhaas, Foto: Barbara Frommann, Bundesstadt Bonn