An der Berechnung des Landkreis-Ranking darf gezweifelt werden - Gransee (im Bild in Oberhavel) ist nicht gleich Glienicke (Oberhavel) - eine Studienkritik
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An der Berechnung des Landkreis-Ranking darf gezweifelt werden - Gransee (im Bild in Oberhavel) ist nicht gleich Glienicke (Oberhavel) - eine Studienkritik

Landkreis-Ranking: Verfällt Deutschland wirklich in fünf Teile?

Dass die Lebensverhältnisse in Deutschland ungleich sind, ist lange bekannt. Selbst bei Indikatoren wie der Lebenserwartung fällt Deutschland inzwischen weit auseinander. Das belegt nun eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung erneut. In einer Art Landkreis-Ranking unterscheidet die Stiftung Deutschland in fünf Teile. Mit allzu pauschalen Ergebnissen. Eine Analyse von Christian Erhardt.

Ein Landkreis-Ranking ist immer beliebt. Auch wir bei KOMMUNAL haben das schon mehrfach aufgezeigt. Wenn aber Daten der Landkreise zu pauschal auf alle 11.000 Kommunen heruntergebrochen werden, so entsteht ein Zerrbild Deutschlands, sehr zu Lasten einiger ländlicher Regionen. 

Doch beginnen wir mit den durchaus richtigen Fakten: Die SPD nahe Friedrich-Ebert-Stiftung hat Deutschland in 5 verschiedene Raumtypen aufgeteilt. Darin sind Faktoren wie Lebenserwartung, Einkommen oder auch Wahlbeteiligung enthalten. Im Details handelt es sich um folgende fünf Typen von Regionen laut dem "Sozioökonomischen Disparitätenbericht 2019: 

 

So unterscheidet das Landkreis-Ranking die Regionen 

Region 1 steht praktisch im Landkreis-Ranking ganz oben, nämlich das "Umland prosperierender Städte". Anders ausgedrückt sind das das Umland von Großstädten. Hier ist etwa die Lebenserwartung der Menschen mit Abstand am höchsten, liegt nämlich bei 82 Jahren. Auch das Einkommen ist weit überdurchschnittlich. Kinder und andere Menschen, die in diesen Speckgürteln leben, sind besonders selten arm. Ihr Durchschnittseinkommen liegt noch ein Stück über der von Region 2, den sogenannten "Boomtowns". In den sogenannten Speckgürteln leben 14 Millionen Menschen. Diese Zahl wird später noch bei der Bewertung wichtig sein! 

 

Die Region 2 der Boomtowns sind die Städte, in denen die Wirtschaft dynamisch wächst, also Stuttgart, München, Köln, Hannover, Aachen oder Hamburg. Ostdeutsche Städte fehlen hier. Auch dazu später mehr. Hier sind vor allem die medizinische Versorgung und die Infrastruktur deutlich überdurchschnittlich. Immerhin 23 Millionen Menschen wohnen in diesem Raumtypus laut der Studie. 

 

Es folgt Region 3, "Deutschlands solide Mitte". Der erstreckt sich im Prinzip in einem breiten Streifen, der vom äussersten Norden über weite Teile Westdeutschlands und einige Streifen im Süden reicht. Auch hier fehlt der Osten übrigens weitgehend, nur ein Teil Brandenburgs schafft es immerhin in diese Region. Es ist mit 33 Millionen Einwohnern übrigens die mit Abstand größte Gruppe. Allerdings erlebt auch dieser Raumtypus durchaus die Abwanderung von Fachkräften und jungen Menschen. Hier stecken neben Chancen also auch Risiken. 

 

Die Verlierer im Landkreis-Ranking 

 

Region 4 nennt die Ebert-Stiftung dann "Regionen in der dauerhaften Strukturkrise". Im Grunde sind hier weite Teile Ostdeutschlands erfasst. Von Region 5 unterscheidet sich dieser Raumtypus vor allem in seiner ländlichen Prägung. Region 5 sind nämlich "städtisch geprägte Regionen mit andauerndem Strukturwandel". Diese liegen vor allem in Westdeutschland, namentlich vor allem im Ruhrgebiet. Beiden gemein sind schlechte Erwerbschancen und niedrige Einkommen.

 

Landkreis-Ranking erhebt undifferenzierte Zahlen 

 

Nur beginnt genau hier die Kritik. Natürlich ist es richtig, dass eine Stadt wie Leipzig noch nicht mit Stuttgart oder München mithalten kann. Vor allem die Speckgürtel dieser Städte profitieren aber seit Jahren vom Aufschwung. Allerdings sind vor allem in Ostdeutschland die Landkreise in den vergangenen Jahrzehnten massiv zusammengelegt worden. Das Ergebnis: Es sind riesige Landstriche entstanden. Das an sich ist schon ein Problem, richtig problematisch wird es aber bei der Berechnung solcher Rankings. Denn was die Friedrich-Ebert Stiftung (wie auch schon andere Landkreis-Rankings) gemacht hat, ist folgendes: Sie hat nicht die Daten der 11.000 Kommunen zu Lebenserwartung, Einkommen und Co genommen sondern sich einen schlanken Fuß gemacht und jeweils "nur" die Daten der 400 Landkreise und kreisfreien Städte abgefragt. Das Ergebnis: Es werden Äpfel und Birnen verglichen. 

 

Beispiel Sachsen Anhalt. Das Land gewinnt bei der Wirtschaftskraft insgesamt hinzu. In keinem anderen Bundesland im Osten verdienen Arbeitnehmer so viel wie in Sachsen-Anhalt. Die Lohnlücke zum Westen verringert sich. 

Die Studie der Ebert-Stiftung würdigt das nur minimal, spricht nur von 3 Städten, die angeblich im Aufschwung sind. Nämlich Magdeburg, Halle und Dessau-Roßlau. Sie zählen immerhin zu den "dynamischen Groß- und Mittelstädten". Und was ist mit dem prosperierenden Speckgürtel? Er wird als langfristig strukturschwach in Region 4 geführt. Also das ganze restliche Land sei von Abwanderung und Überalterung geprägt, es soll an Infrastruktur, Ärzten und Versorgung mangeln. 

Warum? Ganz einfach: Die riesigen Landstriche werden alle in einen Topf geworfen. Und das in ganz Ostdeutschland. Der Landkreis Oberhavel etwa grenzt an Berlin, Glienicke/Nordbahn ist eine der reichsten Gemeinden in Deutschland. Schuldenstand: 0 Euro, ähnlich die Nachbarstädte Hohen Neuendorf und Mühlenbecker Land. Die Miet- und Immobilienpreise etwa liegen hier meist höher als in Berlin. 13 Euro der Quadratmeter sind keine Seltenheit. Zum Landkreis Oberhavel gehören aber auch der Amtssitz der Kanzlerin im beschaulichen Meseberg (Schloss Meseberg), Städte wie Gransee an der Landesgrenze zu Mecklenburg-Vorpommern und Fürstenberg, ein kleiner Ort weitab von Berlin. Mietpreise hier: Eher selten mehr als 5 Euro. Für alle diese sehr unterschiedlichen Städte hat das Landkreis-Ranking der Ebert-Stiftung ein und diesselben (gemittelten) Werte zugrunde gelegt. Das musste schief gehen.

 

 

 

Diese Berechnungen sind eine Gefahr für die politische Diskussion

 

Nun könnte man sagen: "Was solls". Die Menschen etwa in Haldensleben, einer 20.000 Einwohner Stadt mit praktisch ausgebuchten Gewerbegebieten und mehr als 14.000 sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen mitten in Sachsen-Anhalt wissen ja selbst, dass es ihnen gut geht. Auch rund um den Chemiepark Leuna oder in den boomenden Regionen im Harz weiß man selbst um den Erfolg. 

Dieserlei Rankings sind aber eine Gefahr für die politische Diskussion. Erst vor kurzem kam das Institut für Wirtschaftsforschung (IWH) in Halle mit ähnlich kruden Daten zu ähnlichen Ergebnissen. Die Forderung damals: Man müsse einige ländliche Regionen aufgeben, hier bestehe keine Hoffnung mehr. 

Genau dieser Eindruck ist falsch. Deutschland ist eben nicht das Konstrukt aus 400 in sich homogenen Landkreisen sondern das Produkt von 11.000 Kommunen, die extrem unterschiedlich aufgestellt sind. Und genau aus diesen sehr unterschiedlichen Kriterien können Städte und Gemeinden auch voneinander lernen. Das kann Deutschlands Kommunen insgesamt stärker machen. Ein solches Landkreis-Ranking hingegen missachtet die Vielfalt Deutschlands. 

 

 

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