Viele Frauen machen den Hauptschulabschluss, wie die Gruppe dieses Lehrgangs.
Viele Frauen machen den Hauptschulabschluss, wie die Gruppe dieses Lehrgangs.
© Stadt Kassel

Integration

Verwaltung setzt auf Migrantinnen

Der deutsche Arbeitmsmarkt ist leergefegt. Trotzdem haben viele Frauen mit Migrationshintergrund keine Arbeit. Die Stadt Kassel zeigt mit einem Angebot, wie es gelingen kann, diese Menschen erfolgreich in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Und profitiert am Ende auch selbst davon.

Terhas Andezion weiß, wie schwierig es sein kann, als Frau mit Migrationshintergrund in Deutschland Fuß zu fassen. Die 42-Jährige wurde in Eritrea geboren und floh als kleines Kind mit ihrer Mutter in den Sudan. Mit gerade einmal zehn Jahren strandete das Mädchen in Deutschland. Ihre Lehrer befanden, sie sei nicht gut genug für die Hochschulreife. Sie schaffte es dennoch und studierte erfolgreich Wirtschaftswissenschaften. Seit dem Jahr 2015 arbeitet Terhas Andezion nun in der Kasseler Stadtverwaltung als Leiterin eines Projekts mit dem sperrigen Titel „Sozialwirtschaft integriert – Qualifizierungsperspektiven für Migrantinnen“. „Mein eigener Hintergrund ist für Frauen mit ausländischen Wurzeln ein großer Vorteil“, sagt sie. „Vor einiger Zeit saß eine junge Frau vor mir, die bei meinem Anblick in Tränen ausbrach. Sie hatte so große Angst vor unserem Gespräch. Aber als sie mich ansah, da wusste sie: Da sitzt eine Frau, die mich versteht.“ Sie selbst, sagt Terhas Andezion, habe aber Verwandtschaft in Deutschland gehabt und eine Menge Unterstützung erfahren. „Deshalb ist unser Projekt so wichtig: Menschen mit Migrationshintergrund – besonders Frauen – können es hier nicht schaffen, wenn es niemand gibt, der ihnen beratend zur Seite steht und ihnen die Hand reicht.“

Migrantinnen in soziale Berufe vermitteln

Kassel ist eine Stadt, die seit Jahrhunderten von Migration geprägt ist. Derzeit haben etwa 40 Prozent der Kasseler in der 200.000-Einwohner-Kommune einen nichtdeutschen Hintergrund. Schon früh hat die Stadt sich um die Zugewanderten bemüht – etwa mit der Gründung eines Ausländerbeirats Anfang der 1980-er Jahre. In der Arbeitsgemeinschaft Integration sind alle städtischen Dezernate mit einem Ansprechpartner vertreten. Das Arbeitsförderungsprojekt speziell für Frauen wurde 2018 aufgelegt und im Sozialamt angesiedelt. In der nordhessischen Kommune hat das Programm einen hohen Stellenwert und das aus guten Gründen:  „Es gibt einen Fachkräftemangel auf der einen Seite und Migrantinnen mit großen Potentialen auf der anderen Seite. Aber nur zu oft bleibt dieses Potential ungenutzt, weil gerade die Frauen in unserer Gesellschaft oft unsichtbar bleiben. Mit unserem Arbeitsförderungsprogramm wollen wir diese Frauen sichtbar – und erfolgreich – machen. Beides gelingt sehr gut", sagt Terhas Andezion. Eigentlich liegen die Aufgaben, die sie mit ihrem Team wahrnimmt, in den Händen der deutschen Jobcenter. Die dort Zuständigen waren in Kassel auch erst einmal wenig begeistert von der „Konkurrenz“, die ihnen aus der Kommune selbst erwuchs. Das hat sich mittlerweile geändert. Ilona Friedrich, Bürgermeisterin und Sozialdezernentin, meint: „Unsere Arbeit stellen die Jobcenter heute nicht mehr infrage. Stattdessen sind uns mit den Jobcentern gute Partner erwachsen.“       

Stadt arbeitet mit Vereinen zusammen

Um an die „unsichtbaren“ Frauen heranzukommen, arbeiten Terhas Andezion und ihre zwei Kolleginnen mit lokalen Vereinen und Organisationen zusammen, die sich in der Stadt ohnehin schon für Frauen mit Migrationshintergrund einsetzen. Dort arbeiten Menschen, die in einem ersten Schritt Kontakte zu infrage kommenden Teilnehmerinnen herstellen. Ziel des Projektes ist es, möglichst viele Frauen in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung tigung zu vermitteln. Nach einer dreimonatigen Orientierungsphase folgt ein zweiwöchiges Praktikum in einem passenden Betrieb. Zumeist handelt sich es sich dabei um Berufe im sozialen Bereich: Hauswirtschaft, Altenpflegehilfe oder Altenpflege, Sozialassistenz oder Erziehung. Manche Frauen machen den Hauptschulabschluss nach. Besonders wesentlich zu Beginn der Teilnahme: das Erreichen des B1-Sprachniveaus – mindestens.   

Einzelcoaching lohnt sich

Einmal  pro Woche bekommen die Frauen zudem ein Einzelcoaching. Ilona Friedrich erläutert: „Seit 2018 haben wir als Kommune mehr als 450.000 Euro in die Coachingmaßnahmen gesteckt. Aber wenn wir schauen, wie viele Frauen es durch die speziellen Maßnahmen geschafft haben: Immerhin 110 haben eine Ausbildung begonnen und 44 Frauen haben heute eine existenzsichernde Arbeit. So hat sich jeder Cent gelohnt“, meint Ilona Friedrich. Auch wenn der Stadt Kassel die erfolgreiche Integrationsarbeit einiges wert ist, alleine kann die Kommune die zusätzlichen Ausgaben nicht stemmen. „Deshalb sind wir im Sozialdezernat sehr froh darüber, dass wir bis 2025 mit etwa 1,5 Millionen Euro vom Hessischen Ministerium für Soziales und Integration gefördert werden“, so die Bürgermeisterin.

Deutsch lernen ab 4 Uhr morgens

Geld, das Frauen wie Nasrin Omar zugute kommt. Die 36 Jahre alte Mutter von drei Kindern stammt aus Syrien und kam mit der Bürgerkriegs-Flüchtlingswelle 2015 nach Deutschland. In ihrer Heimat hat sie Abitur gemacht, studiert und als Lehrerin gearbeitet. Hier in Deutschland wird ihr Abschluss nicht anerkannt. Durch das Kasseler Integrationsprojekt wurde ihr im Mai 2020 ein Ausbildungsplatz als Erzieherin vermittelt. „Ich wusste damals nicht, wie ich mich integrieren könnte. Es war alles so neu und das Leben sehr schwer für mich. Ein Freund hat mir dann von diesem Projekt erzählt und ich habe mich beworben. Es hat mir viele Türen im Leben geöffnet, die ich alleine nie aufbekommen hätte. Ich kann für all das einfach nur Danke sagen“, erzählt Nasrin Omar. Um ihre Ziele zu erreichen, legt sich die Mutter von drei Kindern im Alter von fünf, neun und zwölf Jahren mächtig ins Zeug: Sie steht jeden Morgen um vier Uhr auf, um Deutsch zu lernen – mit Sprachübungen und You-Tube-Videos. Auf dem B1-Level hat sich Nasrin Omar aber nicht ausgeruht, weil die Syrerin im neuen Land Karriere machen und ihren Kindern damit ein gutes, erzieherisches Vorbild sein will.

Das Projekt hat mir viele Türen im Leben geöffnet, die ich alleine nie aufbekommen hätte.“

Nasrin Omar, seit 2015 in Deutschland

Nasrin Omar Migrantin
Nasrin Omar stammt aus Syrien und hat dort als Lehrerin gearbeitet.

Frauen sind selbstbewußter

Terhas Andezion strahlt, wenn sie von Frauen wie Nasron Omar erzählt: „Für diese Frauen ist jede Etappe der Reise eine Herausforderung. Sprache lernen, Schulabschluss, Ausbildung. Die Anforderungen in Deutschland sind hoch und Arbeits- oder Versicherungsverträge nur schwer zu verstehen. Viele Frauen sind zudem mit schwierigen häuslichen Bedingungen konfrontiert. Hausarbeit und Kindererziehung liegt weitgehend in ihren Händen und manche Männer ziehen bei den Fortbildungswünschen erst einmal nicht oder nur sehr ungerne mit.“ Allerdings habe sie zu Beginn des Projektes mit deutlich mehr Widerstand von Seiten der Männer gerechnet. Schließlich sei deutlich festzustellen, dass die Frauen sich durch die Teilnahme an diesem Projekt verändern. Die positiven Erfahrungen, so die Projektleiterin, wirken sich positiv auf das Selbstbewusstsein der Frauen aus, das gemeinsam Erreichte sei identitätsstiftend und die Frauen würden auch in ihrem sozialen Umfeld anders wahrgenommen. Ilona Friedrich nickt: „Ich erinnere mich zum Beispiel gut an eine Frau, die mir erzählte, dass ihre deutsche Nachbarin nun häufiger mit ihr redet, seitdem sie morgens zur Arbeit aus dem Haus geht.“