Stress am Arbeitsplatz
Psychische Belastungen nehmen zu: Kommunen sollten Mitarbeiter unterstützen.
© adobeStock

Gesundheitsmanagement

So kann die Verwaltung Mitarbeiter stärken

Psychische Erkrankungen haben in der Corona-Krise massiv zugenommen. Und auch bei physischen Erkrankungen geht der Trend seit Jahren deutlich nach oben. Neben den Krankenkassen können auch Kommunen mit Prävention bei ihren Mitarbeitern entgegenwirken. Wir zeigen Ihnen, wie!

In Aachen steht die Gesundheit der Mitarbeiter der städtischen Verwaltung schon seit rund zwei Jahrzehnten im Fokus, wobei die sozialpsychologische Mitarbeiterberatung sogar noch vor dem Betrieblichen Gesundheitsmanagement  eingeführt wurde. „Das Thema psychische Gesundheit ist hier in Aachen ziemlich fortschrittlich angegangen worden“, berichtet Teamleiterin Melanie Spiegelberg. Während das Betriebliche Gesundheitsmanagement verschiedene Angebote anbietet, die von der „Aktionswoche Schlaf“ bis hin zur Resilienz-Fortbildung reichen, stehen bei der Mitarbeiterberatung die Einzelgespräche im Vordergrund. Dabei kann die Sozialberatung keinen Therapeuten ersetzen – „es geht vielmehr um eine konkrete Situation, bei der wir versuchen, zu helfen – oft auch mit Einbeziehung der jeweiligen Führungskraft“, so Spiegelberg.

Projekt "Psychische Gesundheit" in Aachen

Unter dem Titel „Psychische Gesundheit“ wurde in Aachen nun ein weiteres Projekt ins Leben gerufen. Auslöser war die Beobachtung, dass während der fortschreitenden Corona-Zeit vermehrt Fälle von Depression und heftigen Erschöpfungszuständen aufgetreten sind. Zudem ist zu befürchten, dass es nach Ende der Pandemie noch eine weitere Welle an psychischen Erkrankungen geben wird. Entsprechend wichtig erschien es dem Gesundheitsteam der Stadt, hier möglichst erfolgreich gegenzuwirken und vorbereitet zu sein. Prävention, Hilfe im Akutfall und bei der Rehabilitation – das sind die Aspekte, die bei Fortbildungen, Beratungen und Kampagnen im Rahmen des Projekts angegangen werden sollen. Dabei sei es eine der größten Herausforderungen, das Thema psychische Erkrankungen von gängigen Klischees und Tabus zu befreien und Mitarbeiter wie Führungskräfte zu sensibilisieren und zu stärken.

Nicht immer seien die Zielgruppen leicht zu erreichen – gleichwohl bewähre es sich auf lange Sicht, als Kommune die psychische Gesundheit der Mitarbeiter in den Blick zu nehmen. Erforderlich sind dazu allerdings ausreichend Budget und Ressourcen. „Man braucht einen Kümmerer, der das als klar definiertes Aufgabengebiet hat. Zudem sollte man klare Ziele haben und sich im Vorfeld die volle Unterstützung durch die Verwaltungsleitung holen“, so Spiegelberg. Ist das gegeben, erhöhe ein starkes Augenmerk auf die Mitarbeiter-Gesundheit auch die Attraktivität der Kommune als Arbeitgeber. „Für die Stadt Aachen ist das ein wichtiger Marketingfaktor und wir weisen im Personalmarketing explizit darauf hin“, so Spiegelberg.

Anlaufstelle in München bei psychischen Belastungen

Auch in der Stadt München gibt es für die Beschäftigten der kommunalen Verwaltung schon seit langem eine Anlaufstelle bei psychischen Belastungen. Dabei ist die „Psychosoziale Beratungsstelle“ als eigenständige Stabsstelle bei der Personalentwicklung angesiedelt, wie die Leiterin Brigitte von Ammon berichtet. In Kooperation mit dem Betrieblichen Gesundheitsmanagement bietet die Stelle etwa Vorträge zu Stressthemen an, Webseminare zum Thema Homeoffice, Umgang mit Trauer oder Achtsamkeits-Trainings. Den Schwerpunkt der Arbeit aber machen die individuellen Beratungsgespräche aus. Erschöpfungssyndrom und Depressionen, Mobbing, Sucht oder eskalierende Konfliktsituationen – die Themen, mit denen von Ammon und ihre Kollegen tagtäglich konfrontiert werden, sind vielfältig und fordernd. Hinzu kommen langwierige psychische Erkrankungen. „Wir sind eine soziale Arbeitgeberin“, so von Ammon. „Den Leuten wird nicht einfach gekündigt und es gibt viele Beschäftigte mit chronischen Krankheiten, die von unserer Stelle begleitet werden .“ Oft melden sich die Betroffenen selbst bei der Stelle oder aber die Führungskräfte bitten um Hilfe, wenn sie in Sorge sind um einen Mitarbeiter.

Brigitte von Ammon

"Wir sind eine soziale Arbeitgeberin.“

Brigitte von Ammon, Leiterin der Psychosozialen Beratungsstelle der Stadt München

Die Arbeitsatmosphäre und die Kultur in der Verwaltung sind es, die für die psychische Gesundheit am prägendsten sind – das unterstreicht auch der Soziologe Professor Bernhard Badura, der unter anderem an der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Uni Bielefeld intensiv zum Bereich Arbeitsgesundheit geforscht und etliche Stadtverwaltungen analysiert hat. „Wie ist die Qualität der Zusammenarbeit und herrscht eine Kultur der Angst oder des Vertrauens?“ Das seien die entscheidenden Fragen, wenn es um die seelische und psychische Gesundheit der Mitarbeiter gehe. Dabei mache es einen Riesenunterschied, ob die Leute offen über ihre Probleme reden könnten oder ob sie mit Kontrollwahn und einem Klima der Unterdrückung konfrontiert seien. „Entscheidend ist der Umgangston“, so Badura. „Wenn die Arbeitnehmer ständig Angst vor Fehlern und vor Bewertungen haben müssen, wirkt sich das letztlich nicht nur auf die Psyche, sondern auch auf die Qualität der Arbeit aus. Wenn Menschen Angst haben, versiegt ihr Potential“, so Badura.

Verwaltung oft ein schwieriger Ort

Gerade die Verwaltung ist seiner Erfahrung nach ein schwieriger Ort, wenn es um eine transparente und offene Kultur geht: Oft gebe es hier sehr steile Hierarchien, verkrustete Systeme und sei eine Atmosphäre des Misstrauens vorhanden, die die intrinsische Motivation der Mitarbeiter systematisch kaputt macht. Die Folgen sind drastisch: „Es treten Erschöpfungserscheinungen auf, Schlafstörungen, Angstzustände und heftige körperliche Symptome“, so Badura. „Burnout ist die meist verbreitete Erkrankung einer Kopfarbeiter-Gesellschaft“ und oft sei nicht die Menge der Arbeit die Ursache, sondern die negativen Grundgefühle, die Menschen tagtäglich im Kontext der Arbeit belasten. Die deutlichsten Indikatoren für eine Schieflage seien die Fehlzeiten, die Badura als markante Zeichen für Organisationsversagen und mangelnde Führungsqualitäten interpretiert. Entsprechend ist Badura der Meinung: „Eine reine Gesundheitsförderung reicht nicht aus.“ Ebenso müsse deutlich unterschieden werden zwischen Selbstoptimierung und Systemoptimierung. „Yoga und Massage am Arbeitsplatz sind natürlich gut, aber wenn Sie sich um Ihre Karriere Sorgen machen, Stress mit dem Chef haben und unter Mobbing leiden, dann hilft kein Yoga.“

Tipps für Kommunen

Was also können Kommunen in die Tiefe tun, um für die psychische Gesundheit ihrer Mitarbeiter Sorge zu tragen? „Das Wichtigste ist die Entwicklung einer guten Kultur und die Schulung der Führungskräfte“, so Badura. Dafür sei sehr viel mehr Sorgfalt bei der Auswahl der Führungskräfte von Nöten, denn Menschen zu führen und Vertrauen zu stiften erfordere deutlich mehr als die rein fachliche Qualifikation für einen Posten. Ein Arbeitsplatz, der gut tut und gesund hält, ist laut Badura ein Ort, an dem man Sinnhaftigkeit erlebt und sich Perspektiven bieten. „Letztlich sollte man den Menschen viel mehr zutrauen“, meint er. Das reicht von einem spannenden Weiterbildungsangebot über Mitarbeitergespräche auf Augenhöhe bis hin zu deutlich mehr Selbstorganisation, etwa wenn es um die Absprache von Urlauben und Schichtdienst oder die Arbeitseinteilung geht. „Nicht an der kurzen Leine halten, weniger führen, mehr fördern“ – das sei ein wesentlicher Schlüssel zur Wahrung und Pflege der psychischen wie physischen Gesundheit der kommunalen Mitarbeiter.