Klimaanpassung
Kommunale Trinkwasserversorgung: Wenn Wasser zur Chefsache wird
Was vor wenigen Jahren noch undenkbar war, gehört heute zum kommunalen Sommer-Alltag: Wasser wird zur Chefsache. Doch wie wappnen sich Kommunen für eine Zukunft, in der die scheinbar selbstverständliche Trinkwasserversorgung zur Existenzfrage wird?
Grundwasserstress: Jeder zweite Landkreis ist betroffen
Die Zahlen sind alarmierend. Eine Studie des Instituts für sozial-ökologische Forschung im Auftrag des BUND vom Juni 2025 zeigt: Rund jeder zweite Landkreis in Deutschland steht unter Grundwasserstress. Besonders betroffen sind Regionen in Ostdeutschland, im Rheintal, in Hessen und in Teilen Niedersachsens.
Baden-Württembergs „Masterplan Wasserversorgung", bundesweit der einzige systematische Klimacheck aller Kommunen eines Landes, kommt in seiner Zwischenbilanz vom Juli 2025 ebenfalls zu einem dramatischen Ergebnis: Mehr als die Hälfte der Kommunen wird den Spitzenbedarf an Trinkwasser im Jahr 2050 nicht mehr decken können.

Einen klimabedingten Investitionsbedarf von bis zu 13,5 Milliarden Euro über zehn Jahre bestätigt eine Studie des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft und des Deutschen Vereins des Gas- und Wasserfaches. Der Verband kommunaler Unternehmen beziffert den Gesamtinvestitionsbedarf der kommunalen Wasserwirtschaft bis 2045 sogar auf etwa 800 Milliarden Euro.
Drei Treiber verschärfen die Lage parallel: längere Trockenperioden infolge des Klimawandels, eine zunehmende Belastung des Grundwassers durch Nitrat und Spurenstoffe sowie ein vielerorts veraltetes Leitungsnetz mit hohen Wasserverlusten. Für die kommunale Trinkwasserversorgung bedeutet das: Wer heute nicht investiert, riskiert morgen Engpässe in der Daseinsvorsorge.
Wasserwerk Murrtal: Sechs Kommunen, ein Verbund, 75.000 Versorgte
Wer wissen will, wie kommunale Trinkwasserversorgung im Klimawandel gelingen kann, sollte in den nördlichen Rems-Murr-Kreis schauen. Auf einem Hügel bei Burgstetten, knapp 35 Kilometer nordöstlich von Stuttgart, steht seit August 2020 ein modernes Wasserwerk, das beispielhaft geworden ist: das Wasserwerk Murrtal. Sechs Kommunen – Allmersbach im Tal, Aspach, Burgstetten, Leutenbach, Oppenweiler und Backnang – haben sich hier mit dem Zweckverband Wasserversorgung Nordostwürttemberg zusammengetan.
Das Ergebnis: 75.000 Menschen erhalten heute einheitlich weicheres Trinkwasser, gewonnen aus rund 55 lokalen Brunnen und Quellen. Bis zu 6,9 Millionen Liter Trinkwasser werden täglich produziert. Durch ein Notstromaggregat ist die Versorgung auch bei Stromausfällen gesichert.
Vom Einzelkämpfer zum Zweckverband – die Entstehungsgeschichte
Die Geschichte begann 2015. Steigende gesetzliche Anforderungen an die Trinkwasserqualität, der Wunsch der Bevölkerung nach weicherem Wasser und das strategische Ziel, lokale Wasservorkommen optimal zu nutzen, führten die sechs Kommunen an einen Tisch. Zuvor hatte jede Gemeinde ihr Rohwasser eigenständig aufbereitet und zusätzlich Fernwasser von der NOW bezogen. Jetzt entstand ein gemeinsames hochmodernes Werk. Parallel wurden 51 Kilometer Roh- und Reinwasserleitungen auf einer 30 Kilometer langen Trasse verlegt.
„Die gemeinsame Wasserversorgungskonzeption für den nördlichen Rems-Murr-Kreis ist ein erfolgreiches Beispiel dafür, dass die Herausforderungen der Zukunft am besten gemeinschaftlich angepackt werden können", sagt Stefan Neumann, Verbandsvorsitzender der NOW und Bürgermeister von Künzelsau. Seine Botschaft: Klimawandel, Verschmutzung des Grundwassers und der demografische Wandel stellen die Wasserversorger vor komplexe Aufgaben – „die notwendigen Weichen für eine sichere und hochwertige Wasserversorgung können am effektivsten in einem starken Verbund gestellt werden".
Verbundnetz Westeifel: Wie Trinkwasser Strom erzeugt
Das Murrtal-Modell steht nicht allein. In Rheinland-Pfalz haben die Stadtwerke Trier mit den Landwerken Eifel ein Regionales Verbundnetz Westeifel aufgebaut, das rund 250.000 Einwohnerinnen und Einwohner versorgt. Eine 83 Kilometer lange Nord-Süd-Trasse verbindet die wichtigsten Versorgungsknotenpunkte zwischen NRW-Landesgrenze und Trier.
Der Clou: Statt Wasser bergauf zu pumpen, nutzt das System den natürlichen Geländeverlauf und lässt es bergab fließen. Das spart rund eine Million Kilowattstunden Strom pro Jahr. Turbinen im Trinkwassernetz erzeugen zusätzlich 500.000 Kilowattstunden grünen Strom jährlich. Das Investitionsvolumen liegt bei rund 100 Millionen Euro, die Wassersparte wurde mit 40 Millionen Euro vom Land gefördert.
„Mit diesem Verbundsystem erreichen wir ein hohes Maß an Resilienz und Sicherheit für die Versorgung der Bürgerinnen und Bürger. Qualitativ und quantitativ. Und das ist erst die Grundstruktur. Es geht immer weiter", sagt Helfried Welsch, Vorstand der Landwerke Eifel.
Was Kommunen aus Murrtal und Westeifel lernen können
Beide Modelle eint ein zentraler Erfolgsfaktor: die interkommunale Kooperation. Wo einzelne Gemeinden mit Investitionen in Millionenhöhe überfordert wären, ermöglicht der Verbund nicht nur Skaleneffekte, sondern auch Versorgungssicherheit über kommunale Grenzen hinweg. Hinzu kommen eine konsequente Nutzung erneuerbarer Energien und digitaler Steuerungstechnik sowie der frühzeitige Schulterschluss mit dem jeweiligen Bundesland bei der Förderung.
Für die kommunale Trinkwasserversorgung im Klimawandel zeichnen sich damit sechs Handlungsfelder ab, an denen sich Bürgermeisterinnen und Bürgermeister, Werkleitungen und Kämmereien heute orientieren können.

Sechs Tipps für eine zukunftsfähige Trinkwasserversorgung
1. Frühzeitig planen
Vorlaufzeiten für Infrastrukturprojekte sind erheblich – die Eifelpipeline brauchte sechs Jahre, das Wasserwerk Murrtal fünf Jahre. Wer 2030 versorgungssicher sein will, muss heute beginnen.
2. Verbünde suchen
Die wirtschaftlich und ökologisch sinnvollste Lösung ist meist die interkommunale Kooperation – Zweckverbände, Stadtwerke-Allianzen und Wasserverbundleitungen.
3. Zweites Standbein aufbauen
Aktuell verfügen nur 20 Prozent der Versorgungsbereiche über eine vollständig redundante Wasserquelle. Bis 2050 muss dieser Wert steigen, nicht sinken.
4. Förderprogramme nutzen
Baden-Württemberg hat seine Wasserwirtschaftsförderung von 13 Millionen Euro im Jahr 2016 auf knapp 88 Millionen Euro versiebenfacht. Andere Länder ziehen nach.
5. Schwammstadt mitdenken
Entsiegelung, Versickerungsmulden und Stadtgrün entlasten nicht nur die Kanalisation bei Starkregen, sondern stützen auch die lokale Grundwasserneubildung.
6. Digitalisierung als Hebel
Vollautomatisierte Wasserwerke wie das Murrtal mit Fernsteuerung aus zentralen Leitwarten zeigen, wie sich Personalmangel kompensieren und Effizienz steigern lässt.


