Sitzungstisch mit Aktenordnern, ein Förderband trägt eine Autokarosserie aus dem Fenster zu einer Baustelle mit Kränen
Audi-Werk in Georgia: 4 Mrd. Dollar für die USA, Ingolstadt fehlen 12 Mio. Euro Gewerbesteuer. Welche Fehler Kommunen jetzt vermeiden sollten.
© Grok / xAI

Standortpolitik

Audi-Werk in Georgia: Was Ingolstadts Steuerloch Kommunen lehrt

Audi will rund vier Milliarden Dollar in ein neues Werk im US-Bundesstaat Georgia stecken. Gleichzeitig fehlen Ingolstadt mehr als zwölf Millionen Euro Gewerbesteuer, den Haushalt 2026 hat die Regierung von Oberbayern nicht genehmigt. Was Kommunen daraus lernen können, wenn sie Unternehmen halten wollen.

Rund 4 Milliarden US-Dollar. Etwa 4.500 Arbeitsplätze. Bis zu 200.000 Fahrzeuge im Jahr. So beschreibt die Audi AG in ihrer Mitteilung vom 25. Oktober ihr erstes eigenes Werk in den USA. Das Audi-Werk in Georgia entsteht auf der Middle Georgia Megasite in Peach County.

Fast zeitgleich hat die Kämmerei in Ingolstadt, wo Audi seinen Sitz hat, ihre Gewerbesteuerprognose für 2026 um gut 12 Millionen Euro gesenkt. Das eine ist nicht die direkte Folge des anderen. Aber beides zusammen zeigt, wie Standortentscheidungen heute fallen und wer am Ende die Rechnung trägt: das Rathaus.

Audi-Werk in Georgia: Was steht fest, was nicht?

Laut Audi soll der Bau 2027 beginnen, die Produktion Anfang der 2030er Jahre anlaufen. Das Büro von Gouverneur Brian Kemp ist genauer: 2027 beginnen die Erdarbeiten, 2028 der eigentliche Bau. Die volle Produktion wird für 2031 erwartet.

Gebaut werden sollen die großen SUV Q7, Q8 und Q9. Sie laufen bisher in Bratislava vom Band.

Endgültig beschlossen ist das Werk allerdings noch nicht. Der Volkswagen-Konzern teilt mit, die Entscheidung stehe „noch unter Gremienvorbehalt“. Laut einem Sprecher des VW-Betriebsrats liegt sie beim VW-Aufsichtsrat. Der Audi-Gesamtbetriebsratsvorsitzende Jörg Schlagbauer sagte dem SWR, es gebe „keine abschließenden Beschlüsse“. Unterschrieben ist nach Aussage von Audi-Chef Gernot Döllner bisher eine Vereinbarung mit dem Bundesstaat.

Verkündet wurde das Projekt übrigens nicht in einer Pressekonferenz. Das tat US-Präsident Donald Trump auf einer Wahlkampfveranstaltung, wenige Tage vor den Zwischenwahlen am 3. November. Offenbar hat er einen nicht unwesentlichen Anteil an der Werkseröffnung. 

Warum baut Audi ein Werk in den USA? Die Zölle

Audi ist unter den deutschen Premiumherstellern der einzige ohne eigene Fabrik in den USA. Bisher kommen alle Fahrzeuge für den US-Markt aus Europa oder Mexiko. 

Das rächt sich. Die US-Zölle haben Audi 2025 nach Angaben von Finanzvorstand Jürgen Rittersberger 1,2 Milliarden Euro gekostet. Für 2026 rechnet der Konzern mit noch höheren Lasten, weil die Zölle ein volles Jahr gelten. Der US-Absatz ist in diesem Jahr um 16 Prozent gesunken.

Volkswagen-Chef Oliver Blume hatte die Logik schon im Frühjahr auf den Punkt gebracht: „Wir können nicht beides, hohe Zölle zahlen und dann in eine Fabrik investieren.“ Jetzt formuliert der Konzern das Ziel so: „Lokalisierte Produkte aus den USA für die USA.“

Kurz: Wer im Land produziert, zahlt keinen Einfuhrzoll auf das fertige Auto. Die Marge von Audi ist unter den Zöllen um fast zwei Prozentpunkte gefallen. 

Warum Georgia? Fertige Fläche, schnelle Genehmigung, eine Region

Die Zölle erklären, warum Audi in die USA geht. Sie erklären nicht, warum es Georgia wurde. Hier lohnt der Blick auf die Ansiedlungspolitik vor Ort. Denn sie ist der Teil, den Kommunen selbst in der Hand haben.

Laut Gouverneursbüro nannte Audi vier Gründe: Tempo bis zum Markteintritt, Arbeitskräfte, Nähe zu den Kunden und eine bestehende Zulieferkette.

Der Staat hat die Megasite nach Kemps eigenen Worten „genau zu diesem Zweck“ gekauft und weiter erschlossen. Industrieanschlüsse liegen am Gelände an. Umfangreiche Gutachten waren bereits erstellt, als Audi kam. Das erlaube einen Bau im Eiltempo.

Bemerkenswert ist auch die Organisation. Die drei Countys Peach, Houston und Macon-Bibb haben sich am 19. Mai 2026 zur Mid-Georgia Gateway Joint Development Authority zusammengeschlossen. Statt gegeneinander zu bieten, vermarkten sie das 1.474 Acre große Gelände gemeinsam. Dazu kommt Georgia Quick Start, das staatliche Schulungsprogramm. Es entwickelt für Audi eigene Lehrpläne und ein Trainingszentrum.

Was Georgia an Geld gibt, ist dagegen offen. Ein Gesamtwert des Förderpakets, Steuernachlässe oder Infrastrukturzuschüsse wurden bisher nicht veröffentlicht.

Energie, Arbeit, Bürokratie: Der Standortnachteil Deutschland

Bei den Kosten liegen die Zahlen auf dem Tisch. Eine Arbeitsstunde im Verarbeitenden Gewerbe kostete in Deutschland 2025 laut Statistischem Bundesamt 49,50 Euro. Das ist Rang drei in der EU, deren Schnitt bei 35 Euro liegt.

Industriestrom kostete 2024 in Deutschland rund 13 Cent je Kilowattstunde, in den USA rund 8 Cent. Bei Bürokratie und Genehmigungen gibt es keinen sauberen Zahlenvergleich. Aufschlussreich ist aber, was Georgia selbst als Verkaufsargument nennt: fertige Gutachten, anliegende Netze, Geschwindigkeit.

Der republikanische Senator Bernie Moreno sagte, ohne „wirtschaftsfreundliche Regulierung“ wäre das Werk nie zustande gekommen. Das ist eine politische Aussage im Wahlkampf. Dass Tempo aber der Faktor ist, den Audi selbst an erster Stelle nennt, ist dokumentiert.

Gewerbesteuer Ingolstadt: 12 Millionen weniger, Haushalt nicht genehmigt

Im Ausschuss für Finanzen und Personal am 22. Oktober legte Finanzreferent Franz Fleckinger neue Zahlen vor. Im Haushalt angesetzt waren 77,65 Millionen Euro Gewerbesteuer. Erwartet werden für Ende 2026 nur noch 65,41 Millionen. Das sind 12,24 Millionen weniger als geplant.

Nach geringeren Umlagen und späteren Anpassungen bei den Schlüsselzuweisungen bleibt laut Bericht netto eine Belastung von sechs bis acht Millionen Euro. „Diese Entwicklung wird sich dann auch in das Jahr 27 so fortsetzen“, sagte Fleckinger.

Die Schulden steigen trotzdem. Anfang 2026 lagen sie bei 44,54 Millionen Euro. Für Ende 2026 prognostiziert die Kämmerei 174,6 Millionen, für Ende 2027 rund 308 bis 310 Millionen Euro. Letzteres ist eine Trendberechnung aus den Anmeldungen der Referate.

Die Rechtsaufsicht hat schon reagiert. Die Regierung von Oberbayern hat die Haushaltssatzung 2026 nicht genehmigt, wegen „struktureller Unterdeckung“ und nicht gesicherter dauernder Leistungsfähigkeit. Die Stadt bleibt in der vorläufigen Haushaltsführung. Neue Projekte sind grundsätzlich gestoppt.

Die Folgen spürt man in den Schulen. Für vier vom Stadtrat beschlossene Projekte, darunter die Erweiterung der Grundschule Ringsee, wartet die Stadt auf die Genehmigung ihrer Kreditanträge.

Wichtig für die Einordnung: Den Gewerbesteuer-Rückgang führen die Quellen nicht ausdrücklich auf Audi oder das US-Werk zurück. Welche Zahler ihn verursachen, ist steuerlich geschützt. Der SWR schreibt allerdings, auch der Stammsitz leide „unter zu schwacher Auslastung“.

Was bedeutet das Audi-Werk in Georgia für andere Kommunen?

Drei Lehren lassen sich aus dem Fall ziehen:

  1. Konzernentscheidungen fallen global, die Folgen kommen lokal an. Kein Rathaus verhandelt über US-Zölle. Aber jedes Rathaus mit einem großen Zahler hängt an Entscheidungen, die in Wolfsburg, Washington oder Peking fallen. Auch das Werk Neckarsulm muss laut SWR bis Juni 2027 Vorschläge zur Kostensenkung vorlegen.
  2. Gewerbesteuer ist die volatilste Einnahme. Ein Rückgang um 12 Millionen innerhalb weniger Monate, bei laufendem Haushalt, ist kein theoretisches Risiko.
  3. Ohne genehmigten Haushalt fehlt der Spielraum für Standortpolitik. Wenn neue Projekte gestoppt sind, gilt das auch für Erschließung und Infrastruktur.

Gewerbesteuer halten: Welche Fehler sollten Kommunen vermeiden?

Georgia hat Audi nicht nur mit Geld gelockt, sondern mit Vorbereitung. Daraus folgt, was Kommunen in Deutschland nicht tun sollten:

  • Fehler 1: Keine fertigen Flächen haben. Georgia hat gekauft, erschlossen und begutachtet, bevor der Investor kam. Wer erst nach der Anfrage mit Bebauungsplan und Gutachten beginnt, verliert gegen Standorte, die „schaufelbereit“ sind.
  • Fehler 2: Gegeneinander statt miteinander werben. Drei Countys, eine Entwicklungsgesellschaft. Interkommunale Gewerbegebiete mit geteilter Gewerbesteuer sind in Deutschland möglich und erprobt.
  • Fehler 3: Den Hebesatz als einzige Stellschraube sehen. In der Not liegt die Erhöhung nahe. Sie trifft aber gerade die Betriebe, die man halten will. Ingolstadts Entlastung 2026 beruht zu mehr als der Hälfte auf Steuererhöhungen. 
  • Fehler 4: Wirtschaftsförderung als Erstes kürzen. Sie ist freiwillige Leistung und deshalb leicht zu streichen. Gerade in der Krise ist sie aber der Kontakt zu den Betrieben, die noch da sind.
  • Fehler 5: Von einem Zahler abhängig bleiben. Diversifizierung dauert Jahrzehnte, wie Ingolstadt zeigt. Wer heute einen dominanten Steuerzahler hat, sollte heute anfangen.
  • Fehler 6: Genehmigungen verschleppen. Tempo war Audis erstes Kriterium. Lange Verfahren für Bauanträge, Gewerbeanmeldungen oder Erweiterungen bestehender Betriebe sind ein Standortnachteil, den die Kommune selbst beeinflussen kann.
  • Fehler 7: Fachkräfte ausblenden. Georgia liefert dem Investor ein Schulungsprogramm gleich mit. Kooperationen mit Berufsschulen und Hochschulen sind auch hier kommunal anschiebbar.

Natürlich kann keine Kommune Zölle, Strompreise oder Lohnnebenkosten ausgleichen. Das ist Aufgabe von Bund und EU. Aber die Faktoren, die Georgia als Vorteil verkauft, sind zum großen Teil kommunale: Fläche, Tempo, Zusammenarbeit, Fachkräfte.

Wie Kommunen ihre Hebesätze zwischen Standortattraktivität und Finanznot abwägen, zeigt unsere Auswertung. Wie Nachbarn gemeinsam handlungsfähig bleiben, lesen Sie in unserem Beitrag zur interkommunalen Zusammenarbeit.

Fazit: Standortpolitik beginnt im Rathaus

Ob der VW-Aufsichtsrat das Audi-Werk in Georgia am Ende absegnet, ist offen. Klar ist schon jetzt: Georgia hat sich vorbereitet, Ingolstadt muss reagieren.

Die Gewerbesteuer verschwindet nicht mit einem großen Knall. Sondern Bescheid für Bescheid.

Die Frage für jedes Rathaus lautet deshalb nicht, ob ein großer Zahler wackeln kann. Sondern ob die Kommune vorbereitet ist, wenn er es tut.

FAQ: Audi-Werk in Georgia und Gewerbesteuer

Wo baut Audi sein Werk in den USA?

Auf der Middle Georgia Megasite in Peach County im US-Bundesstaat Georgia. Geplant sind rund 4 Milliarden US-Dollar Investition, etwa 4.500 Arbeitsplätze und bis zu 200.000 Fahrzeuge im Jahr. Der VW-Aufsichtsrat muss noch zustimmen.

Wann beginnt der Bau?

Laut Audi 2027. Laut Gouverneursbüro beginnen 2027 die Erdarbeiten, 2028 der eigentliche Bau. Die volle Produktion wird für 2031 erwartet.

Wie stark sinkt die Gewerbesteuer in Ingolstadt?

Geplant waren 77,65 Millionen Euro, erwartet werden für 2026 noch 65,41 Millionen, also 12,24 Millionen weniger. Ob der Rückgang mit Audi zusammenhängt, sagen die Quellen nicht.

Was können Kommunen tun, um Unternehmen zu halten?

Fertige Gewerbeflächen vorhalten, interkommunal zusammenarbeiten, Genehmigungen beschleunigen und Fachkräfte gemeinsam mit Schulen sichern. Zölle oder Strompreise kann keine Kommune ausgleichen, Fläche und Tempo schon.

Weiterlesen auf KOMMUNAL

Fotocredits: Grok / xAI